Riga

Ghetto Riga


Ghetto


Ghetto Riga

Bezeichnung

Gebiet
Livland, Generalbezirk Lettland, Reichskommissariat Ostland

Lage des Ghetto:
die linke Seite des Maskavas (Moskau) Straße, und zwar von der Lacplesa Street Jersikas Straße und endend mit Zidu (Juden) Straße neben dem alten jüdischen Friedhof. Von dort erweitert die Grenze entlang Lauvas Street Liela Kalnu Straße; dann von der rechten Seite von Liela Kalnu Straße entlang Daugavpils, Jekabpils, Katolu, Sadovnikova und Lacplesa Straßen zurück zu Liela Maskavas Street.

Eröffnung
September 1941

Liquidierung
Am 01 und 02.11.1943

Deportationen
Die Überlebenden wurden in das KZ Riga-Kaiserwald überstellt.

Einsatz der Häftlinge bei

Art der Arbeit

Namensliste der Opfer

Namensliste der Täter

Bemerkungen
Das Ghetto wurde zuerst vom Gebietskommissar Riga-Stadt, ab Dezember vom Generalkommissariat Lettland verwaltet. Die Bewachung übernahm der Kommandeur der Sicherheitspolizei Lettland sowie eine Wachmannschaft, die sich aus der lettischen Schutzmannschaft rekrutierte. Zu Beginn befanden sich ca. 30.000 Juden im Ghetto. Der größte Teil der Insassen starb während zweier Aktionen am 30.11. und 08.12.1941 in Rumbula, einem Wald vor Riga. Etwa 25.000 Menschen wurden ermordet. Arbeitsfähige sperrte man in das sogenannte kleine Ghetto. Ihre Zahl bezifferte das Arbeitsamt am 31.01.1942 auf 3.942 Männer und 389 Frauen. Insgesamt beläuft sich die Anzahl der Insassen auf etwa 5.000 Juden aus Litauen und Lettland, von denen ein großer Teil bereits vor der Auflösung des Ghettos tot war. Das große Ghetto wurde zum Reichsjudenghetto, in das ab Dezember 1941 Juden aus dem Reich eingeliefert wurden. Durch Verluste bei Aktionen und neuen Transporten schwankte die Zahl der Insassen zwischen 6.000 und 7.000.

deutsche Täter und Militäreinheiten im Raum Riga

Einsatzgruppe A

Das Lied von Rumbula

Ghettolied (Ghetto Riga)

Liedtext:
Ghetto Riga

Aktion Dünamünde

Riga nach 1945

Gerichtsverfahren nach 1945


Ghettobewohner

Straße Haus (Nr.) Wohnung (Etage)
Maza Kalnų Straße    
Sadovnikova Straße    
Ludzas Straße    
Katolu Straße    

13.12.1941

Am 13.12.1941 Abends erreicht der am 11.12.1941 mit 1007 besetzte Sonderzug Da 38 aus Düsseldorf (Güterbahnhof Derendorf) kommend den Bahnhof Riga-Skirotava. Die Menschen mussten die Nacht in den inzwischen unbeheizten Waggons bei einer Außentemperatur von minus zwölf Grad Celsius verbringen. Von diesem Transport haben nur 98 Personen überlebt.


15.12.1941

Am 15.12.1941 gegen 23:00 Uhr trifft der am 13.12.1941 um 10:00 Uhr in Münster i.Westf. abgefahrene Sonderzug mit jüdischen Mitbürgern im Rangierbahnhof Skirotawa südöstlich von Riga ein. Der Zug fuhr über Hannover - Stendal - Berlin - Kästrin - Kreuz -Schneidemühl - Dirschau - Marienburg - Elbing -Königsberg - Insterburg - Tilsit- Tauroggen - Schauten -Mitau - Riga.
Die weiterhin in ihren Abteilen eingeschlossenen Menschen durften den Zug erst am 16.12.1941 um 9.00 Uhr verlassen.


Erinnerung von Ernst Metzger aus Dorsten


Ghetto Riga 1942

Sie warfen Menschen in die Flammen

Am Samstagmorgen, 23. Januar 1942, es war bitterkalt, hielt ein Wagen in der Nähe unseres Hauses in der Wiesenstraße 24, um uns unerwartet zur Deportation nach Riga abzuholen. Nach langen Bitten wurde uns eine halbe Stunde gewährt, um unsere Sachen zu packen. Im Lastwagen saßen schon unsere Leidensgenossen aus Lembeck. Nach knapp einer halben Stunde, wir waren noch nicht ganz fertig, trieb man uns aus dem Haus: Vater, Mutter, mein Bruder Max mit Frau und Kind, mein Bruder Walter und ich. Dazu kamen noch die Familie Ambrunn, Herr Lewinstein, Hilde Perlstein und Hertha Becker, geborene Perlstein.
Man brachte uns nach Gelsenkirchen. In der Rundhalle auf dem Wildenbruchplatz sammelten die Nazis weitere Juden aus Recklinghausen, Herne und Gelsenkirchen.
Dort gab es die erste Tote zu beklagen. Selbstmord. Eine Frau hatte sich mit einer Gabel die Kehle durchgestochen. Erst am Dienstag, 26. Januar, sind wir morgens um drei Uhr im Güterbahnhof Gelsenkirchen verladen worden. Der Transport bestand aus etwa 1.000 Personen, die einer Ungewissen Zukunft entgegenfuhren. Bei 30 Grad unter Null in unbeheizten Wagen, ohne Wasser und sonstige Verpflegung war die Fahrt eine Hölle. Doch haben wir die Reise gut überstanden bis auf meinen lieben Vater. Er hatte sich Erfrierungen an beiden Füßen zugezogen und musste im Ghetto drei Monate lang liegen.

Auf Tischen stand noch das Essen
In Riga angekommen, wurden wir von deutscher und lettischer SS mit Gewehrkolbenschlägen und Fußtritten aus den Wagen geprügelt. Die SS nahm uns das Gepäck weg. Viele Menschen, die wegen der übermenschlichen Strapazen nicht mehr laufen konnten, sind nie im Lager angekommen. Doch die, die trotz der Erfrierungen noch gehen konnten, zu ihnen gehörte auch ich, kamen nach einem halbstündigen Marsch im Ghetto an. Hier trafen wir auch Onkel Moritz, Tante Selma und Eva sowie meine Kusine Martha.
Das Bild, das sich uns bot, kann ich nicht wiedergeben. Denn einige Tage vor dem ersten Transport hatte man die 40.000 lettischen Juden innerhalb von zwei Tagen auf 4.000 reduziert. Überall war Blut. Teilweise wurden die Menschen in lodernde Flammen geworfen, kleine Kinder spießte man auf oder warf sie hoch in die Luft, um nach ihnen zu schießen.

So kamen wir in völlig demolierte Wohnungen der soeben von der SS ermordeten Menschen. Auf den Tischen stand noch gekochtes Essen. Ein Zeichen, dass der Tod plötzlich und unerwartet kam. Das schockte uns und wir hatten Angst. Im Ghetto lebten 10.000 deutsche und 4.000 lettische Juden.
Geleitet wurde das Lager von SS-Obersturmführer Krause und Scharführer Gimmlich. Die Hauptleitung hatte ein SS-Major Dr. Lange. Der letzte Transport der Juden aus dem „Altreich“ kam aus Berlin. Es war grauenhaft. Es handelte sich vornehmlich um Menschen aus Altersheimen – Kranke und Gebrechliche. Viele von ihnen waren wahnsinnig geworden, denn sie wurden bei großer Kälte in offenen Viehwagen transportiert.

Die Mehrzahl aller Menschen, die am Bahnhof ankamen, wurde gleich weiter verfrachtet in das nahe Vernichtungslager Sasaplis, der Rest ins Ghetto getrieben, wo wiederum zahlreiche Ghettobewohner an Hunger und Kälte starben.

Die arbeitsfähigen Juden mussten in SS- oder Wehrmachtsbetrieben arbeiten. Bei 30 bis 40 Grad Kälte war Schneeschippen an der Tagesordnung, wobei sich die meisten Leidensgenossen Erfrierungen zuzogen, die zu Amputationen führten. Wir waren gezwungen, Sachen, die wir in den Häusern der vor uns Ermordeten vorfanden, gegen Brot einzutauschen. Darauf stand die Todesstrafe, doch der Hunger war stärker als die Angst.

Wir hatten stets den Tod vor Augen
Unsere Wertsachen mussten wir bei der Ankunft abgeben. Täglich wurden Menschen erschossen und gehängt, oft grundlos oder weil sie ein Stück Brot eintauschen wollten. Es ging ganz nach Laune des Kommandanten. Langsam gewöhnten wir uns daran, den Tod vor Augen zu haben. Nachts brachen SS-Leute in unsere Wohnungen und vergewaltigten jüdische Mädchen und Frauen und beraubten sie ihrer Kleidung.

Am 19. Februar 1942 kam ich mit 34 Kameraden ins Zentralgefängnis von Riga. Jeden Tag wurden wir vom Scharführer Greulich in den acht Kilometer entfernten Hochwald gebracht, um Massengräber zu schaufeln. In jedes der 20 Gräber kamen etwa 500 Tote. Alle Transporte, die jetzt aus dem Reich kamen, gingen direkt in den Hochwald. Nur wenige junge und kräftige Menschen oder Handwerker durften weiterleben. Ich wog nur noch 42 Kilo. Im Berliner Transport war auch mein Vetter Kurt, der mit weiteren 36 Juden für die SS im Kaiserwald arbeiten musste.

Meine Eltern kamen in die Gaskammern von Auschwitz
Ende 1943 erließ Himmler den Befehl, alle Ghettos aufzulösen. Am 2. November trieb uns die SS auf den Appellplatz, wo man Alte, Kranke und Kinder aussortierte und zum Bahnhof brachte. In Viehwagen wurden sie in unmenschlicher Weise verladen und ins Ungewisse abtransportiert. Aber was ist, was bedeutet in solchen Situationen noch Menschlichkeit, Unmenschlichkeit? 2.600 Menschen, darunter meine lieben Eltern, fuhren in den Tod.
Einigen Müttern war es gelungen, ihre Kinder zu verstecken. Auch unsere kleine Judis, die Tochter meines Bruders, konnten wir noch einmal retten. Doch bald holte die SS alle Kinder unter zehn Jahren ab, um sie in die Gaskammern nach Auschwitz zu transportieren.

Alle Juden, die bei Auflösung des Ghettos noch lebten, wurden kaserniert bei der SS oder Wehrmacht untergebracht, um im deutschen Wehrmachts-Bekleidungsamt Schwerstarbeit zu leisten. Auch Frauen mussten dort schwere Lasten schleppen. Die Nahrung war schlecht und unzureichend. Obwohl mein Bruder, seine Frau und ich bei der Wehrmacht arbeiteten, waren wir allen erdenklichen Schikanen ausgesetzt.
Wir lebten in ständiger Unruhe, denn mit der immer näher rückenden Front wuchs für uns die Lebensgefahr. Was machen sie dann mit uns?

Am 28. Juli 1944 kam beim Appell der SS-Arzt Dr. Krebsbach aus dem Zentral-Konzentrationslager Kaiserwald. Er suchte die Schwachen aus, zum Beispiel die, die sich beim schweren Heben Leistenbrüche zugezogen hatten. Mein Arbeitskamerad, mit dem ich täglich zusammen war, musste rechts raustreten. Das hieß: Transport ins Vernichtungslager.
Am 8. Juli 1944 hatte man auch allen Frauen die Köpfe kahl geschoren. Mehrere Transporte gingen in der Folgezeit ins KZ Stutthof bei Danzig ab. Darunter war auch meine Schwägerin. Nun war ich mit meinem Bruder Max allein von der Familie übrig. Mit mir blieben von den Tausenden nur noch 100 Frauen und 100 Männer zurück. Wir mussten die blutigen, verlausten und verschlissenen Uniformen, die von der Front geschickt wurden, säubern, entlausen, ausbessern, damit sie wieder zur Front zurückgeschickt werden konnten.


Als sich wenige Tage später die Russen Riga näherten, verlegte man uns nach Libau. Hier erlebten wir schwerste Fliegerangriffe. In unseren Reihen gab es 14 Tote. Die Verschiffung nach Lübeck war eingeleitet. Acht Tage waren wir in ständiger Minen- und Fliegergefahr in einem Kohlefrachter auf leeren Kartuschen und Munitionskisten auf hoher See.
Ein Funkspruch lenkte uns nach Hamburg um, wo wir am 27. Februar 1945 ankamen und sofort von der SS ins Polizeigefängnis geführt wurden. Nach etwa vier Wochen ging der erste Transport mit 56 Gefangenen nach Bergen-Belsen ab. Als auch ich wegkommen sollte, wurde der Transport wegen Platzmangel im dortigen Konzentrationslager nicht durchgeführt. Zu Fuß mussten wir dann 100 Kilometer nach Kiel zurücklegen. Hier standen wir unter der Knute der deutschen und lettischen SS. Der Kommandant empfing uns mit den Worten: „Na, ihr Synagogendiener, auf euch habe ich gerade noch gewartet!“

Von 14.000 Juden haben 135 überlebt – ich war dabei
Ich kann es nicht schildern, was sich in diesem Lager abspielte. Die Behandlung, die Hygiene und die Arbeit waren schrecklich und grausam. Morgens um vier Uhr mussten wir bei Regen und Kälte zum Appell. Waschgelegenheiten gab es keine. Nach langem Stehen bekamen wir lediglich zwei dünne Scheiben Brot. Dann wurden wir unter Bewachung zum Schutträumen in der Stadt eingesetzt. Völlig durchnässt gelangten wir nach zweistündigem Marsch ins Lager zurück. Wieder zwei- bis dreistündiger Appell mit Schlägen. Zu essen gab es Steckrüben oder rote Beete in Wasser gekocht. Täglich hat die SS 30 bis 40 Männer erschossen oder mit Knüppeln oder Gewehrkolben einfach erschlagen. Über dieses Lager ließe sich viel berichten. Ständig schwebten wir in Todesgefahr. Wir hatten keine einzige Minute Ruhe vor dieser Angst. Bis zuletzt glaubten wir, noch erledigt zu werden. Als wir die Autos des schwedischen Roten Kreuzes sahen, glaubten wir es zuerst gar nicht. Es war wie eine Fata Morgana. Denn an Rettung glaubten wir schon lange nicht mehr. Jetzt glaubten wir an Wunder. Wir haben überlebt.

Mein ganzes Leben hindurch werde ich nie vergessen, wie wir 135 Juden, die noch aus dem Ghetto von Riga von 14.000 übrig geblieben waren, die Hölle der deutschen Konzentrationslager überleben konnten. Und so wie ich meine Erlebnisse nicht vergessen kann, dürfen die Menschheit in der ganzen Welt und die Jugend nicht vergessen, wozu Menschen fähig sind.


Bericht der Inge Rotschild

Thorn, den 25. Januar 1946
Bericht der Inge Rotschild

Ich bin am 18. Februar 1932 als Tochter des Metzgers Max Rotschild und dessen Ehefrau, der Modistin Henriette, geb. Horn, in Euskirchen / Rheinland geboren. Wir waren drei Geschwister. Ich war die Älteste. Meine zwei jüngeren Brüder waren 1934 bzw. 1937 geboren. Seit 1935 durfte mein Vater seinen Beruf nicht mehr ausführen. Er wechselte in den Beruf eines Masseurs, Sanitäts- und Fußpflegespezialisten über. Als ich ein halbes Jahr alt war, verzogen wir nach Hellenthal / Eifel. Den ersten, mir im Gedächtnis gebliebenen Eindruck von der Naziherrschaft bekam ich im Jahre 1938. Am Morgen dieses Schreckenstages bekamen wir die Nachricht, dass mein Großvater Jakob Horn und zwei meiner Mutter Brüder verhaftet seien. Das Eigentum meines Großvaters, ein kleines Warenhaus, wurde von SA-Banditen geplündert und die Mauern dann niedergerissen. Inzwischen hatte es sich auch schon in unseren kleinen jüdischen Gemeinde herumgesprochen, dass die Synagoge gesprengt würde. Niemand von uns wagte sich auf die Straße. Wir saßen gerade beim Mittagessen, als die Gestapo bei uns erschien und meinen Vater verhaftete. Er durfte nur seinen Mantel anziehen und seinen Hut aufsetzen und wurde sofort mit anderen jüdischen Männern unseres Ortes nach Aachen gebracht und dort Haft behalten.

Nach etwa 4 Wochen wurde er plötzlich wieder entlassen. Von dieser Zeit an, begannen die Schikanen der Nazis sich immer mehr zu steigern. Die Arbeit meines Vaters wurde boykottiert. Die deutsche Kundschaft musste sich förmlich zu uns schleichen. Unsere Kennkarten wurden mit einem großen „J“, welches Jude bedeutete, versehen. Genauso wurden bei Anfang des Krieges unsere Lebensmittelkarten gezeichnet. Kleiderkarten bekamen wir überhaupt nicht. Anfang Januar 1940 mussten wir auf Befehl der Gestapo nach Köln, Burgunderstr. 4, III. Stock, verziehen.

Es wurde der Befehl erlassen, dass sämtliche Juden mit einem gelben Stern mit schwarzer Aufschrift „Jude“ zu kennzeichnen seien. Kurz vor dem 17. Dezember 1941 bekamen wir von der Gestapo den Befehl uns zur Evakuierung bereit zu halten. Am 17.Dezember wurden wir mit Tausenden anderen in einer Messehalle zusammengetrieben und mussten dort eine Nacht verbringen. Wir waren so eng zusammengepfercht, dass viele Kleinkinder erstickten. Meine Mutter hatten meinen jüngsten Bruder Kurt - 4 Jahre alt – bereits vorher in ein jüdisches Kinderheim gebracht. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Am folgenden Tag wurden wir in einen von SS-Männern bewachten Personenzug verladen. Vorher wurden uns sämtliche größeren Gepäckstücke abgenommen und nur kleines Handgepäck belassen. Die Fahrt dauerte 4 Tage und brachte uns nach Riga – Lettland. Unser Bestimmungsort war das Rigaer Ghetto. Dort mussten wir etwa 15 km marschieren. Hier bekamen wir lettische SS zur Bewachung. Am 22. Dezember waren wir im Ghetto angelangt. In den Strassen fiel uns auf, dass der Schnee Blutspuren aufwies. wurden wir dann auf die Häuser verteilt. Beim Betreten derselben fanden wir in vielen Wohnungen Leichen lettischer Juden. Später erfuhren wir, dass kurz vor unserer Ankunft durch die SS eine Zwangsräumung des Ghettos durchgeführt war. Wer nicht sofort räumte, wurde ermordet. Die Männer waren in einem anderen Teil des Ghettos untergebracht. Frauen und Kinder dieser lettischen Juden sind mit unbekanntem Ziel zur Liquidierung fortgeschafft. Einzelne Frauen und Kinder, welche sich während der Zwangsräumung versteckt hielten, tauchten später wieder im Ghetto auf. Wir wurden in Gruppen eingeteilt, die unserer Heimat entsprachen – z.B. Köln, Düsseldorf usw. Mein Vater wurde Sanitäter der Gruppe Köln, zu der wir gehörten. Meine Mutter musste ebenfalls arbeiten. Sie gehörte zum Außenkommando, welche Arbeiten außerhalb des Ghettos verrichten musste.
Das Ghetto wurde durch lettische SS-Angehörige, welche durch deutsche SS-Führer kommandiert wurden, bewacht. Kommandant des Ghettos war der SS-Obersturmbannführer Krause. Ihm stand der SS-Oberscharführer Gimmenich, Besitzer eines Schuhgeschäftes aus Köln, zur Seite. Im Rigaer Ghetto verblieben wir bis zum Sommer 1943. Wir hausten in einem Zimmer mit 11 Personen. Mein Vater arbeitete als Sprechstundenhilfe beim Gruppenarzt der Kölner Gruppe. Meine Mutter musste im Außenkommando arbeiten – wie Schnee schaufeln, Steine tragen oder Schiffe aus- und beladen, ausführen. Sie musste von 5.30 Uhr morgens bis abends 18 Uhr ununterbrochen arbeiten. Mein Vater hatte Tag und Nacht zu arbeiten, da bei den schlechten Verhältnissen die Zahl der Kranken sehr groß war. Die Verpflegung wurde in Rohprodukten ausgegeben, welche zum großen Teil verdorben war. Es gab täglich kleine Mengen Pferdefleisch, Grütze und muffiges Mehl. Da meine Eltern noch einige Wertsachen gerettet hatten, konnte meine Mutter manchmal etwas gegen Lebensmittel eintauschen, so dass wir zu Anfang immer etwas zusätzliches hatten. Am 2. November 1943 – meine Mutter hatte an diesem Tag frei, während mein Vater auf Außenkommando war – erschienen plötzlich vor der Ghetto – Umzäunung viele SS-Posten, die kurz darauf sämtliche Kinder innerhalb des Ghettos auf die Straße trieben. Meine Mutter brachte meinen 9-jährigen Bruder Heinz und mich in einem Verschlag in Sicherheit; da Sie nicht wusste, was diese Posten für Aufgaben hatten, sagte sie uns, wir sollten warten, bis sie wiederkäme. Nach 5 – 6 stündigem Warten wurden wir von SS-Posten entdeckt und auf einen in der Nähe liegenden Sportplatz getrieben. Dort war die ganze Bevölkerung des Ghettos angetreten. Meine Mutter lief uns aus der Reihe entgegen und holte uns trotz des Verbotes zu sich. Es begann ein Vorbeimarsch vor dem Kommandanten zwecks Aussortierung mit den dazu üblichen Kolbenschlägen. Als meine Mutter und wir an die Reihe kamen, wurde meine Mutter ausgeschimpft, weil sie die rechte Hand vor Kälte nicht ausstrecken konnte. Dabei sagte der Kommandant höhnisch, ob sie seine Handschuhe anziehen wolle. Dann wurde sie gefragt, wie alt wir seien. Sie antwortete: „12 Jahre“. Das war unser Glück, denn sämtliche Kinder unter 10 Jahren sowie ältere und schwache Personen wurden mit großen Autos abtransportiert und nicht wieder gesehen. Nachdem wir noch einige Zeit in einem Haus eingesperrt waren, konnten wir in unsere Wohnung zurückkehren. Dort hatten inzwischen die lettischen SS-Posten alles geplündert. Strümpfe, Schals, Taschentücher und was ihnen sonst noch brauchbar erschien war gestohlen worden und sämtliche Einrichtungsgegenstände durcheinander geworfen. Mein Vater, der bereits vor dem Tor von der Aktion Kenntnis erhielt, war sehr froh, als er uns bei seiner Heimkehr alle gesund wieder sah.
Ende November 1943, mein Vater war wieder einmal auf Außenkommando beim Armee-Bekleidungsamt 701, mussten wir wieder alle auf dem Sportplatz antreten und wurden in ein Arbeitslager überführt. Vorher wurden wir im Konzentrationslager Riga – Keiserwald registriert und uns sämtliche doppelt vorhandenen Kleidungsstücke abgenommen. Das Arbeitslager, welches in einem großen Hause untergebracht war und 1165 Personen umfasste, stellte die Arbeitskräfte für das Armeebekleidungsamt 701. Männer und Frauen waren getrennt untergebracht. Die Verpflegung wurde bereits gekocht ausgegeben und war noch schlechter wie im Ghetto. Mein Vater wurde in der Lagerkrankenstube als Sanitäter eingesetzt, meine Mutter arbeitete als Putzfrau und mein Bruder und ich mussten in einer Lore Kisten transportieren. Durch Schikane und Schlägereien zeichneten sich hier besonders die Unteroffiziere Müller und Schwellenbach und der Obergefreite Saas aus. Die Verletzungen, die unsere Leidensgenossen hierbei davontrugen, waren oft so stark, dass sie in die Krankenstube eingeliefert werden mussten. An einem Tage – im März 1944 holte mich ein Mann des jüdischen Ordnungsdienstes von der Kolonnenführerin, bei der ich gerade Ordonanzdienst machte, ab. Meine Eltern, die auf dem Kommando Mühlgraben waren, kamen mir entgegen und weinten. Mein Bruder war fortgeschafft worden. Durch geschicktes Fragen hatte man von ihm herausbekommen, dass er erst 9 Jahre alt war. Dass er arbeitete wurde nicht berücksichtigt. Ein Mann, zu dem mich mein Vater später schickte, erzählte, dass mein Bruder mit vielen anderen Kindern nach Auschwitz transportiert wären.

Im Juli 1944 wurden wir, nachdem wir eine Nacht im strömenden Regen gestanden hatten, auf ein großes Schiff verladen und fuhren in drei Tagen bis nach Danzig. Das Schiff war stark überladen.
Während dieser 3 Tage bekamen wir jeder etwas Brot, Käse und 1 Tasse Wasser. In Danzig angekommen, wurden wir auf Schleppkähne verladen und ohne jeglichen Essens und Trinkens 3 Tage und 3 Nächte weichselaufwärts gefahren. Bis zum Konzentrationslager Stutthof hatten wir dann noch etwa 10 km zu marschieren. Wir waren nur noch zwei Kinder. Mia Safran, 11 Jahre alt aus Sachsen, und ich. Im Lager angekommen, wurde mein Vater von meiner Mutter und mir getrennt. Wir wurden in Baracken untergebracht und mussten mit 4 Personen auf einer Holzpritsche schlafen, 3 Pritschen waren über einander. Mit uns war das Armee-Bekleidungslager 701 nach Stutthof verlegt und wir mussten am Tage dort arbeiten. Wir bekamen täglich ½ l Wassersuppe und 200 g Brot. Von den 4 g Margarine, die uns zustanden, sagen wir nur sehr wenig. Diese wurde vom Küchenpersonal, welches fast nur aus Berufsverbrechern bestand und die sogar freien Ausgang bekamen, unterschlagen. Die Lagerinsassen waren wie folgt gekennzeichnet: Verbrecher mit grünem Dreieck, politische Häftlinge mit rotem Dreieck, jüdische Häftlinge mit schwarzem Stern, sowjetische Kriegsgefangene wurden als politische Häftlinge betrachtet. Jeden Tag war dreimal Zählappell, welcher jedes Mal 2 Stunden dauerte, -morgens um 4, mittags um 12 und abends um 18 Uhr. Anschließend wurde Kaffee bzw. Suppe empfangen. Bei den Zählappellen waren Misshandlungen an der Tagesordnung. Besonders die Capo, welche nur aus Verbrechern und Mördern bestanden, taten sich hierbei hervor. Sie wollten sich bei den SS-Banditen beliebt machen. Oft verlängerten sie die Zählappelle auf eigenen Willen. Die Häftlinge wurden dann von ihnen mit Stöcken geschlagen oder in den Leib getreten, so dass sie besinnungslos zusammenbrachen.

Durch die Entkräftung kann ich mich an die Daten dieser Zeit nicht mehr genau erinnern. Eines Tages rief mir mein Vater über den mit Hochspannung
geladenen Zaun zu, dass er nach Danzig zum Arbeitseinsatz komme. Andere Männer erzählten mir später, dass er nach Lauenburg und von dort in die Gegend von Hamburg oder Hannover transportiert worden sei. Im Laufe der Zeit wurden wir in eine andere Abteilung des Lagers verlegt, wie wir bald feststellten, war dieses das Vernichtungslager. Hier wurde kein Zählappell mehr durchgeführt, und wir mussten auf bloßer Erde eng zusammen gedrückt hausen. Es gab keine Waschgelegenheit und wir waren in wenigen Tagen vollkommen verlaust. Diese Abteilung war der Tätigkeitsbereich des SS-Oberscharführers Thiele und des SS-Unterscharführers Fot. Sie gingen jeden Tag durch die Reihen und suchten die Schwächsten aus und brachten sie zur „sitzender Arbeit“, dass heißt: zum Verbrennungsofen. An Verpflegung bekamen wir hier täglich ½ Liter heißes Wasser mit roten Rübenschnitzeln und abends 2 Pellkartoffeln, die oft nur aus Schalen bestanden. Meine Mutter aß nichts mehr und gab mir ihre Portionen. Sie erkrankte schwer und kam in das „Spital“, in welchem nicht ein einziger Arzt, geschweige denn irgend ein Medikament war. Es war nur ein besonderer Raum.

Am 18.2.1945, an dem Tag, an dem ich mein 13. Lebensjahr vollendete, starb meine Mutter. Sie wurde von einigen Capos zum Verbrennungsofen geschleppt. Eine Woche später wurden wir Übriggebliebenen mit sowjetischen Kriegsgefangenen nach Danzig transportiert. Auf der Fahrt, die 2 Tage dauerte, wurden durch Granatsplitter 1 Gefangener getötet und mehrere verletzt. Man legte sie in unseren Waggon, in dem wir schon mit 80 –100 Personen standen. Von diesem Barackenlager rückte die SS eines Tages mit sämtlichen noch gesunden Häftlingen ab. Wir kranken blieben und ein Teil der Gesunden versteckte sich. Beim Näherkommen der Front gingen wir in einen Luftschutzbunker. Als nach 3 Tagen ein sowjetischer Gefangener nach außen sah, konnte er keinen deutschen Soldaten mehr erblicken. Am 31.3.1945 erschienen plötzlich in der Tür des Bunkers Soldaten der Roten Armee.

„Wir waren frei!“

Eltern: Max Rothschild, geb. 23.1.1903 in Kirschseiffen, + ?
Henriette Horn, geb. 10.02.1908 in Euskirchen, + 18.2.1945 in Stutthof
Wohnort: Euskirchen, Kommerner Str. 6

Ab 1934 Hellenthal – Kirschsseiffen
Ab Januar 1940 Köln, Burgunderstr. 4

Kinder: Inge, geb. 18.2.1932
Heinz, geb. 13.09.1934, + März 1944 wahrscheinlich Auschwitz
Kurt, geb. 24.12.1937, ab 1941 im Kinderheim, deportiert nach Minsk am 20.07.1942, +


18.08.1942

Am 18.08.1942 erreicht der Sonderzug Da 401 (18. Osttransport) mit 1004 Juden den Bahnhof Riga-Skirotava bei Riga. Der Sonderzug hatte den Güterbahnhof Berlin-Moabit, mit zwischenhalt an der Quitzow- und der Putlitzstraße am 15.08.1942 verlassen. Die Deportierten wurden bald nach ihrer Ankunft auf dem Bahnhof Riga-Skirotava in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet. Darunter auch 57 Kinder unter zehn Jahren.


24.10.1942

Am 24.10.1942 bat Dr. Abshagen vom Rigaer SS -Institut für medizinische Zoologie die Zivilverwaltung um die Erlaubnis, drei Juden entgegen den Vorschriften weniger als acht Stunden pro Tag beschäftigen zu dürfen.
Begründung: "Es handelt sich um die für das Institut nach besonderen Gesichtspunkten ausgewählten Blutspender für die Läusefütterung in dem Läuselaboratorium des Instituts."


31.10.1942

42 jüdische Polizisten werden im Ghetto Riga von der SS erschossen


20.04.1943

Auschwitz, 20. April 1943
Kommandanturbefehl Nr. 8/443
Fernsprechanschluss KL Riga
Das KL Riga ist wie folgt telefonisch zu erreichen:
Kommandantenzimmer Riga 54 180
Dienstzimmer Kommandantur 37 164


02.11.1943

Am 2. November 1943 kam es zu einer letzten großen Selektion, mit der das Ghetto Riga faktisch aufgelöst wurde. Die letzten Arbeitskommandos hatten an diesem Morgen wie immer das Ghetto verlassen. Als sie zurückkehrten, war das Ghetto leer.
Alle älteren Menschen, die tagsüber im Ghetto blieben, um die Häuser zu putzen, alle noch lebenden Kinder und ihre Lehrer, alle Kranken waren weg. Diesmal ging der
Transport nicht wie so oft vorher zu den Massengräbern im Wald von Bikernieki, sondern nach Auschwitz. Dort wurden nur wenige ins Lager geschickt, die allermeisten wurden von der Verladerampe aus gleich nach der Ankunft in die Gaskammern geschickt.
Nach Angabe von Dr. Wolken, der im Quarantäne-Lager die Listen führte, kam der Transport aus Riga am 5. November in
Auschwitz-Birkenau an, brachte aber nur 596 Menschen mit, von denen 476 vergast wurden.

Bericht eines Überlebenden
Die letzten 4000 Juden verließen das Ghetto am 2. und 3. November. Die arbeitsfähigen Überlebenden, meist Frauen, kamen in ein Arbeitslager, 2000 Kinder aber und einige Kranke und Gebrechliche wurden mit sehr wenig Nahrungsmitteln auf offene Güterwagen verladen. Die Kinder unter 12 Jahren sollten angeblich in ein Heim nach Deutschland gebracht werden, die Rigaer Juden glaubten aber, man beabsichtige nur, den Zug so lange hin und her zu rangieren, bis die Insassen erfroren und verhungert waren.

Ein Überlebender berichtet, dass der Zug nach Auschwitz gegangen ist und dass von den 2216 Insassen 600 auf der zehntägigen Reise gestorben sind. Dass man Juden aus Riga bis nach Auschwitz transportierte, erscheint mehr als seltsam, aber es gab im Generalgouvernement keine Todeslager mehr, und die Russen waren schon zu nah, als dass man es deutscherseits hätte wagen können, noch Massengräber auf freiem Feld anzulegen.


04.11.1943

815 Juden aus dem Ghetto von Liepaja (Libau) werden im Ghetto Riga erschossen


09.08.1944

Am 09.08.1944 verläßt ein Sondertransport mit deportierten Riga mit Ziel Konzentrationslager Stutthof


Vernichtungsstätte Riga Bikernieki