Warschau (Zentralghetto)

Ghetto

Gebiet: Generalgouvernement, Distrikt Warschau

Eröffnung
02.10.1940

Liquidierung:
16.05.1943

Deportationen:
ab dem 22.07.1942 nach Belzec, Treblinka und Chelmno, vom 22. Juli 1942 bis Oktober 1942 wurden etwa 300.000 Juden nach Treblinka deportiert; im August und September 1942 wurden etwa 12.000 Arbeitsfähige Juden in das KZ Lublin-Majdanek deportiert; zwischen Januar und Mai 1943 wurden etwa 19.000 Juden nach Treblinka deportiert.

Einsatz der Häftlinge bei

Art der Arbeit

Bemerkungen
Im Oktober 1939 wurde die bis zu diesem Zeitpunkt polnische Hauptstadt Warschau zur Distrikthauptstadt innerhalb des von Hans Frank verwalteten Generalgouvernements erklärt. Im Verlauf der deutschen Besatzung entstand dort auf einem 73 Straßenzüge umfassenden Gebiet das größte Ghetto. Im Mai 1940 schätzte der Warschauer Judenrat die Anzahl der Bewohner auf 396.041 Menschen. Durch Zuzüge und Umsiedlungen stieg die Zahl der Juden nach den höchsten damaligen deutschen Schätzungen bis Frühling 1941 auf 490.000. Von April bis November 1940 wurde das Ghetto mit einer Mauer umgeben und schließlich abgeriegelt. Ohne entsprechende Papiere war es nicht mehr möglich das Ghetto zu verlassen. Im Ghetto selbst verschlechterten sich die Lebensumstände so drastisch, daß Tausende an Krankheiten, Hunger oder Entkräftung starben. So starben im Sommer 1941 pro Monat etwa ein Prozent der Bewohner. Ab Mitte 1942 begannen die Deportationen aus dem Ghetto. Bis Anfang 1943 wurden etwa 300.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka transportiert und dort ermordet. Anfang Februar 1943 ordnete Heinrich Himmler die vollständige Auflösung des Warschauer Ghettos an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch über 60.000 Juden in der Stadt. Die Überlebenden beschlossen, sich ihrer Vernichtung mit Gewalt zu widersetzten. Der ungleiche Kampf begann am 19. April 1943 und dauerte fast einen Monat. Große Teile des Ghettos wurden durch Einheiten aus SS, Polizei, Wehrmacht und Ukrainern in Schutt und Asche gelegt.

Aufstand und Vernichtung des Warschauer Ghettos
Aus den
Tagesmeldungen des SS-Generals Stroop


Namensliste der Opfer
Namensliste der Täter


Die Stadt des Todes

Die Straßen sind so übervölkert, daß man nur schwer vorwärts gelangt. Alle sind zerlumpt, in Fetzen. Oft besitzt mannicht einmal mehr ein Hemd. Überall ist Lärm und Geschrei. Dünne, jämmerliche Kinderstimmen übertönen den Krach.
„Ich verkaufe Beigel (Hörnchen), Zigaretten, Bonbons!“
Diese Kinderstimmen wird wohl niemand je vergessen können.
Auf den Bürgersteigen stapeln Kot und Abfälle sich zu Haufen und Hügeln. Oft entreißt ein Kind dem Vorübergehenden das Paket und macht sich davonlaufend schon heißhungrig über den essbaren Inhalt her. Natürlich verfolgt die Menge das Kind. Auch wenn man es erwischt und schlägt, läßt sich das junge Wesen nicht von seinem Mahl abhalten.
Ich sehe ungeheuer viele Männer, Frauen und Kinder, die vom Ordnungsdienst gejagt werden. Als ich hinzutrete und frage, um was es sich handelt, erfahre ich, daß es Flüchtlinge sind, die ihre letzte Habe – Bündel, Kissen oder nur einen Strohsack – mitschleppen. Man warf sie innerhalb von fünf Minuten aus ihren Wohnungen heraus und erlaubte nicht, etwas mitzunehmen. Sie stammen aus den Kleinstädten der Umgebung. Alte, Krüppel, Kranke und Gebrechliche wurden an Ort und Stelle selbst liquidiert. Wer nicht Schritt hält und zurückbleibt, wird auf dem Marsch erledigt. Bleibt ein Sohn bei seinem getöteten Vater stehen, wird er gleich ebenfalls umgebracht. Der tragische Gesichtsausdruck dieser Flüchtlinge variiert zwischen Todesangst und stumpfer Resignation.
Oft liegt etwas mit Zeitungen zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmaßen oder krankhaft angeschwollene Beine schauen meistens darunter hervor. Es sind die Kadaver der am Flecktyphus Verstorbenen, die von den Mitbewohnern einfach hinausgetragen werden, um die Bestattungskosten zu sparen. Oder es handelt sich um
Obdachlose, die auf der Straße umfielen.
Vor jeder Maueröffnung steht eine Wache. Zu ihr gehören ein paar Deutsche, die verächtlich auf die Menge schauen, polnische Polizei und jüdischer Ordnungsdienst, der gebackpfeift wird, wenn er die ihm erteilten Befehle nicht bestens ausführt.
Innerhalb des Ghettos halten sich stets unzählige Kinder auf. Auf der „arischen“ Seite glotzen Neugierige auf das ihnen bietende jämmerliche Schauspiel der zerfetzen Horden. Diese Kinderhorden im Ghetto sind die eigentlichen Ernährer desselben. Sieht der Deutsche nur eine Sekunde fort, so laufen sie behände auf die „arische“ Seite hinüber.
Das dort gekaufte Brot, die Kartoffeln und sonstiges wird unter Lumpen versteckt, und dann gilt es, auf die gleiche Art zurückzuschlupfen. Meistens drückt die polnische Polizei beide Augen zu, während der jüdische Ordnungsdienst mit sich selbst im Kampf liegt. Sie wissen, diese Kinder ernähren das Ghetto und ohne sie müssten viele Hungers sterben. Den
Vätern nahm man ihre Arbeit, den Besitz und oft sogar das letzte Hemd. Wenn ein Kind dann Kartoffeln bringt, ernährt es die ganze Familie.
Nicht alle deutschen Wachposten sind Mörder und Henker, aber leider greifen viele schnell zur Waffe und feuern auf die Kinder. Tag-täglich – es ist kaum zu fassen – bringt man angeschossene Kinder ins Krankenhaus.
Alle Juden müssen Armbinden mit dem Davidstern tragen, nur die Kinder sind ausgenommen. Dadurch wird ihnen der Lebensmittelschmuggel erleichtert. Oft werfen die Kinder von der auf der „arischen“ Straßenseite am Ghetto vorüberfahrenden Straßenbahn in dem Augenblick Päckchen ab und ins Ghetto hinein, wenn die Bahn das Ghettotor passiert, und springen dann hinterdrein. Auch die Mauern werden von Kindern erklettert, aber dies muß sehr schnell geschehen, damit sich nicht etwa der Wachposten gerade umschaut. Er schießt sofort, wenn er es entdeckt.
Tausende von zerlumpten Bettlern erinnern an das hungernde Indien. Grauenhafte Schauspiele erlebt man täglich. Eine halbverhungerte Mutter versucht, ihr Kind an vertrockneten Brüsten zu nähren. Neben ihr liegt vielleicht noch ein totes, älteres Kind. Man sieht Sterbende mit ausgebreiteten Armen und fortgestreckten Beinen mitten auf dem Damm liegen.
Die Beine sind gedunsen, oft erfroren, und die Gesichter schmerzverzerrt. Wie ich höre, amputiert man den Bettlerkindern täglich erfrorene Finger und Zehen, Hände und Füße.
Einmal fragte ich ein kleines Mädchen: „Was möchtest du sein?“ Sie antwortet: „Ein Hund, denn die Posten mögen Hunde gern.“ Die Juden, die in „arischen“ Vierteln arbeiten, bekommen Passierscheine, um an ihre Arbeitsplätze zu gelangen.
Die Wache muß mit dem Hut in der Hand im Laufschritt passiert werden. Es kommt vor, daß die Posten eine Gruppe anhalten und befehlen, daß alle sich auskleiden und im Kot wälzen. Auch Kniebeugen lassen sie gern machen. Manchmal muß man sogar tanzen. Die Posten stehen dann dabei und wollen sich totlachen.


Reserve-Polizeibataillon 61 (Dortmund)

1939 und 1940 war das Bataillon wie das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 im annektierten Teil Polens, im Raum Posen eingesetzt. Das Bataillon siedelte 77000 Juden um, wobei viele Juden erschossen wurden. Nach Rückverlegung zum Luftschutzeinsatz in Münster kehrte das Bataillon um die Jahreswende 1941/42 nach Polen zurück, dieses Mal nach Warschau.
Aufgabe des Bataillons in Warschau war es, neben den sogenannten Objektwachen (Treibstoff- und Verpflegungslager, Brücken usw.) die Bewachung des Ghettos zu stellen, die von den drei Kompanien im täglichen Wechsel übernommen wurde.
Aufgabe der Wachen war es, das unbefugte Verlassen (durch Juden) und Betreten (durch Polen) des Ghettos zu verhindern und den umfangreichen Schmuggel sowohl ins Ghetto hinein (Lebensmittel) wie aus dem Ghetto hinaus (Wertgegenstände) zu unterbinden, insbesondere auch den Waffenschmuggel. Um die Schmuggelmöglichkeiten zu verringern, war es den Ghettoinsassen grundsätzlich verboten, näher als bis auf eine gewisse Entfernung an die Umzäunung heranzugehen, es bestand also eine gewisse tote Zone, die durch Warntafeln gekennzeichnet war, um die Schießfreudigkeit der 1. Kompanie zu stärken, hatte der Ungeist des Hauptmann Mehr die sogenannte Krochmolnar-Bar entstehen lassen. Offensichtlich auf die persönliche Idee des Kompaniechefs hin wurde das zunächst als einfacher Aufenthaltsraum der Kompanie gedachte Zimmer mit Karikaturen und Sprüchen ausgemalt, die, aus dem Rassenwahn geboren, die jüdische Bevölkerung verunglimpften, über dem eingerichteten Ausschank wurde ein großer, von innen erleuchteter Davidstern aufgehängt.
Vor allem aber ließ Hauptmann Mehr auf der Bartür für jeden durch Kompanieangehörige erschossenen Juden einen Strich anbringen.
Die 1. Kompanie führte auch die Exekution von 110 Insassen des Ghettogefängnisses, unter ihnen zehn Frauen, in einem hügeligen Waldgelände außerhalb Warschaus durch.


Funktelegramm

ZOB Warschau an London

Vor einigen Stunden begannen bewaffnete SS-Abteilungen mit Panzern und Artillerie mit der Ermordung der restlichen Bevölkerung des Ghettos. Das Ghetto leistet erbitterten, heldenmütigen Widerstand. Die Verteidigung leitet die Jüdische Kampforganisation, die fast alle Kampftruppen um sich gesammelt hat. Unaufhörlich dringen aus dem Ghetto Kanonendonner und starke Detonationen. Das ganze Viertel ist in den Feuerschein riesiger Brände getaucht. Über dem Gebiet kreisen Flugzeuge. Der Ausgang dieses Kampfes steht natürlich von vornherein fest.

Jüdische Kampforganisaton Warschau
19.04.1943


Personenverzeichnis

Generalmajor der Waffen-SS und Polizei
Reinefarth Heinz (Heinrich) "Henker von Warschau"
* 26. 12.1903 Gnesen
+ 07. 05.1979 Westerland auf Sylt
Befehlshaber bei der Niederschlagung des
Warschauer Aufstandes
nach 1945
Landtagsabgeordneter Kieler Landtag
Bürgermeister von Westerland auf Sylt


01.04.1942

Am 01.04.1942 trifft der Deportationszug DA6 abgefahren am 31.03.1942 in Gelsenkirchen, (er nahm in Münster 400 Juden auf, dann 500 aus dem damaligen Bezirk Hannover, Hildesheim und Göttingen, und als letztes 116 in Braunschweig) mit 1016 Juden in Warschau ein.


09.04.1942

Tagebucheintrag Adam Czerniakow, Vorsitzende des Warschauer Judenrats vom 09.04.1942:
Am Morgen Anweisung Auerswalds an die Gemeinschaft. 160 junge deutsche Juden aus der Quarantäne zur Deportation nach
Treblinka bereitgestellt werden.


10.04.1942

Tagebucheintrag Adam Czerniakow, Vorsitzende des Warschauer Judenrats vom 10.04.1942:
Um 10 Uhr morgens geht ein Transport von deutschen Juden im Alter von 17-35 Jahre alt, für Treblinka bestimmt aus der Quarantäne Leszno-Straße 109/111 ab.
Die Fahrt nach Treblinka dauerte etwa 3 bis 5 Stunden (mehrere Zwischenstopps eingerechnet) und auch wenn die Entfernung von Warschau nach Treblinka nur ca. 100 km betrug, muss es eine schlimme Reise in den überfüllten Viehwaggons gewesen sein.


22.07.1942

Warschau 22. Juli 1942.
An diesem Tag wurde die erste große Aktia (Inhaftierung und Abschiebung) gestartet und alle deutschen Juden in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Die deutschen Juden waren die ersten, die aus
Warschau in das Vernichtungslager Treblinka gebracht wurden.

SS- Sturmbannführer
Hermann Hoefle war verantwortlich für die Großaktion vom 22. Juli 1942. Einige Tage bevor die Deportation der deutschen Juden begann, wurden diese aus dem Gebäude in der Leszno Str. 109 vertrieben und irgendwo innerhalb des Ghettos untergebracht. Die Deutschen benötigten das Gebäude in der Leszno Str. für die Ausführung der Operation.
Die deutschen Juden mussten um 16:00 Uhr auf dem Umschlagplatz mit nur 15 kg persönlichem Gepäck erscheinen. Die Fahrt nach Treblinka dauerte etwa 3 bis 5 Stunden (mehrere Zwischenstopps eingerechnet) und auch wenn die Entfernung von Warschau nach Treblinka nur ca. 100 km betrug, muss es eine schlimme Reise in den überfüllten Viehwaggons gewesen sein. Die Ankunft um ca. 22:00 in Treblinka bedeutete, dass nur am nächsten Tag, den 23. Juli 1942, am Morgen die Viehwaggon Türen geöffnet wurden. Fast alle Passagiere im Inneren der Waggons waren schon erstickt. Wenn Menschen diese Nacht überlebt hat, wurde sie am nächsten Morgen in die Gaskammern gebracht, nackt, nachdem man ihr ihre Kleider genommen hatte und ihre Haare abgeschnitten hatte.


29.07.1942

Am 29. Juli 1942 gibt der Leiter des jüdischen Ordnungsdienstes, Jozef Szerynski bekannt: "Hiermit bringe ich denjenigen Einwohnern, die laut Regierungsbefehl zur Umsiedlung bestimmt sind, zur Kenntnis, daß jeder, der sich am 29., 30. und 31. Juli freiwillig zur Umsiedlung bereit meldet, mit Lebensmitteln - drei Kilogramm Brot und ein Kilogramm Marmelade - versehen wird. Der Sammelplatz, auf dem auch die Verpflegung ausgegeben wird, befindet sich an der Ecke Stawki- und Dzikastraße."
Als dieser Aufruf an den Anschlagsäulen auftauchte, erhielten Deutsche in Warschau täglich 2310 Kalorien, Polen 634 Kalorien, Juden hingegen lediglich 184 Kalorien. In dem mit nahezu einer halben Million Menschen überfüllten Getto - für 13 Personen durchschnittlich ein Raum - hatte der Hunger bereits die zivilisatorische Tünche abblättern lassen. Das zweite Polizeirevier in der Chlodnastraße 15 hatte schon Kannibalismus festgestellt. Für eine Scheibe Brot war im Warschauer Getto schlechthin alles zu haben.


Name der Häftlinge

Achtermann Leopold Salzkotten Preußen, Provinz Westfalen, Regierungsbezirk Minden
zu einem unbekannten Datum überstellt nach KZ
Riga