Sobibor

Vernichtungslager Sobibor


Vernichtungslager Sobibor

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Vernichtungslager

Bezeichnung

Gebiet
Polen, Woiwodschaft Lublin, Landkreis Włodawa

Eröffnung
Aufbau des Lagers im März 1942; Beginn der Massentötungen: 07.05.1942

Schließung
November 1943 nach dem Aufstand vom 14.10.1943

Bemerkungen
Das Vernichtungslager unterstand dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin (Aktion Reinhard. Schätzungen beziffern die Zahl der in Sobibór getöteten Menschen auf etwa 250.000.


Lagerbeschreibung und erster Aufbauabschnitt

Auf dem für das Lager ausgesuchten Waldgelände befanden sich einige wenige feste Bauten. In der Mitte des Lagers lag das 1½-geschossige Haus der ehemaligen Försterei (Gebäude Nr.1 im Lager II). In der Nähe der Bahnstrecke befand sich ein älteres 1½- oder 2-geschossiges Haus (Gebäude Nr.11, Vorlager), das wahrscheinlich vor dem Bau des Lagers als Postgebäude diente. Im Lager wurde es fortan als solches bezeichnet.
Das Vorkommando der SS-Zentralbauverwaltung fand ferner ein etwa 800 m langes, parallel westlich zur Hauptstrecke der Bahnlinie geführtes Nebengleis vor. Es war an seinen Enden mit Weichen an die Hauptstrecke angeschlossen. Östlich der so entstandenen Doppelgleise lagen die Eisenbahngebäude der "Statzie Sobibor". Sie bildeten eine kleine ländliche Station an der Eisenbahnstrecke. Ein deutscher und mindestens zwei polnische Eisenbahnbeamte taten hier Dienst.
Unmittelbar nördlich der südlichen Weiche des Gleisabzweigs befand sich in diesem eine weitere Weiche, die ein höchstens 200 m langes, gerades, nach Norden hin laufendes Rangiergleis vom Nebengleis und parallel westlich zu ihm abzweigte. Das gesamte Gelände um diese Eisenbahnstation herum war bewaldet. Mit besonderem Durchgangsverkehr war wegen des Eisenbahnendes etwa 10 km nördlich bei Wlodawa nicht zu rechnen.
Westlich der Stationsgebäude, jenseits der Gleise, und zwar entlang einem schmalen Geländestreifen, westlich des Rangiergleises, der als "Rampe" für die Transporte benutzt werden sollte, wurden zu beiden Seiten nördlich und südlich des dort stehenden Postgebäudes und westlich dahinter Unterkunftsbaracken errichtet; südwestlich des Gebäudes, angelegt in einem Rechteck, die kleineren Gebäude der SS. Letztere wurden in der Folgezeit in einen äusserlich anheimelnden Zustand versetzt. Sie erhielten schmückende Namen. Der von den Unterkünften umstandene Platz wurde gärtnerisch gestaltet. Das ehemalige Postgebäude erhielt die Bezeichnung "Schwalbennest". Nördlich dieses Gebäudes entstanden einige größere Baracken für die ukrainischen Hilfswilligen. Diese Gebäude lagen längsseits der Rampe. Ein Teil eines dieser Gebäude diente zunächst als Küche, nicht nur für die ukrainischen Wachmannschaften, sondern auch für jüdische Häftlinge. Dieser gesamte Unterkunftskomplex wurde als "Vorlager" bezeichnet. Zwischen diesem Vorlager und der Rampe am Rangiergleis verlief ein Weg von Süd nach Nord parallel zur Rampe bis zu einem kleinen, als "Kapelle" bezeichneten, im Walde gelegenen Holzhaus. Von dort aus, d.h. etwa in Höhe der nördlichen Weiche des Nebengleises, bog der Weg nach Nordwesten in dichteren Wald ab und verlor sich schliesslich darin.
Etwa 500 m westlich dieser Kapelle baute das Vorkommando das Gaskammergebäude, einen kleinen Massivbau mit Betonfundament. Innerhalb dieses Gebäudes wurden drei nebeneinanderliegende Zellen von 4 x 4 m Grösse gasdicht abgeteilt. Jede Zelle erhielt in den gegenüberliegenden freien Wänden je eine Luftschutztür, die eine innen zum Betreten der Zelle, die andere aussen zum Herausholen der Leichen. Das Vorkommando nahm bei diesem Gebäude auch Installationsarbeiten vor - sie werden an anderer Stelle näher beschrieben - und errichtete einen besonderen Anbau zum festen Einbau eines Motors, der die zum Umbringen der Juden zu verwendenden Motorabgase liefern sollte.

Die Ende April 1942 eintreffende deutsche Lagermannschaft begann mit der ukrainischen Wachmannschaft und einer Kolonne von jüdischen Männern, die hier Zwangsarbeit leisten mussten, Um- und Einzäunungsarbeiten. Etwa in Höhe der Stationsgebäude wurde zwischen Neben- und Rangiergleis an dessen südlichen Beginn ein hölzerner Wachtturm aufgestellt. Von hier aus wurde ein Stacheldrahtzaun in nördlicher Richtung, parallel zwischen den beiden Gleisen derartig gezogen, dass er vom Wachtturm an das Rangiergleis in das umzäunte Lager einbezog. Dieser Zaun verlief weiterhin parallel zur Hauptbahnstrecke über die Höhe der nördlichen Weiche des Nebengleises noch etwa 200 m hinaus nach Norden. Dort wurde wieder ein Wachtturm errichtet. Von hier aus wurde der Zaun rechtwinklig nach Westen gezogen auf eine Länge von etwa 800 m. Dann bog der Zaun abermals rechtwinklig nach Süden hin um, und nach etwa 500 Metern treppte er in mehreren langen Stufen in allgemein südöstlicher Richtung ab, um sodann als südliche Begrenzung nach Osten rechtwinklig auf den zuerst genannten Wachtturm zwischen Nebengleis und Rangiergleis zurückzulaufen. Der Zaun wurde auch im Norden und Westen mit einigen Wachttürmen versehen. Wo dies erforderlich war - insbesondere zur Bahnlinie hin; sonst lief der Zaun durch Wald -, wurden in den hohen dichten Stacheldrahtzaun Zweige als Sichtschutz eingeflochten.

In Höhe des zuerst genannten Wachtturms an dem Rangiergleis befand sich ein grösseres Tor, das das Rangiergleis sperren konnte. In derselben Höhe, westlich des Rangiergleises, sperrte ein weiteres Tor den Weg, der westlich des Rampenstreifens entlang dem Gleis nach Norden zur "Kapelle" führte und der nun zur "Lagerstrasse" wurde. In deren südlichen Teil, beginnend am Tor, nach Norden hin erstreckend, bildete sie mit der Rampe zusammen den Platz, auf welchem die herantransportierten Juden nach dem Verlassen der Züge antreten mussten. Von hier aus nach Westen gesehen, zwischen dem südlichen Lagerzaun und den Unterkünften der deutschen Aufseher, wurde der sogenannte Schlauch entlang geführt, ein beiderseitig mit Stacheldraht abgegrenzter Weg. Er führte um das Karree der deutschen Unterkünfte herum und unmittelbar westlich von ihnen nach Norden abbiegend an diesen entlang. Er endete in der Nähe des inmitten des Lagers liegenden Forsthauses. Der Schlauch wurde auf diesem letzten Stück, auf der östlichen Seite zur Rampe hin, nicht durch Stacheldraht, sondern durch einen hohen Bretterzaun als besonderen Sichtschutz begrenzt.

Im Herbst 1942 oder Winter 1942/43 wurden um das gesamte Lager aussen Minen verlegt, teils, um die Flucht von Häftlingen aus dem Lager zu hindern, andernteils auch, um Angriffe von Partisanen von aussen gegen das Lager abzuwehren.

Das Forsthaus, Sitz der Lagerverwaltung, wurde innerhalb des Lagers so umzäunt, dass das Gebäude selbst am südlichen Rande eines geräumigen, platzartigen Gevierts lag, das man das "Lager II" nannte. Abgesehen vom Forsthaus bestand dieser Bereich aus einem freien sandigen Platz, der nach Osten hin ebenfalls durch einen hohen Bretterzaun gegen Einsicht von der Eisenbahn her geschützt war. Nach Osten und Norden hin begrenzten ihn, abgesehen von dichtem Stacheldraht, einige Baracken und Blockhütten, die als Magazine dienten. In einer dieser kleineren Baracken war ein Elektroaggregat zur elektrischen Versorgung des gesamten Lagers untergebracht.

Der oben erwähnte Schlauch endete vor dem Bretterzaun des Lagers II; ein Tor verschaffte Zutritt auf den Platz innerhalb dieses Lagerbereichs. Etwa gegenüber diesem Eingang befand sich ein weiteres Tor in der Bretterzaunumfassung. Es öffnete sich zu einem engen Schlauch mit dichter und durchflochtener Stacheldrahtbegrenzung. Dieser Schlauch führte bogenförmig über West nach Nord genau auf das Gaskammergebäude zu. Dieses Gebäude lag im "Lager III", das ebenfalls in Form eines grossen Gevierts innerhalb des Lagers mit Stacheldraht umzäunt war, wobei das Gaskammergebäude am Südrand des umzäunten Gebietes lag. Von den äußeren Zellentüren des Gaskammergebäudes führte eine Feldbahn zu grossen Gruben, die in der ersten, etwa halbjährigen Vernichtungsphase des Lagers je in einer Länge von etwa 50-60 Metern, in 10-15 Meter Breite und mit einer Tiefe von etwa 5-7 Meter zur Aufnahme der Leichen, wegen des Sandbodens mit schrägen Seitenwänden, nach und nach ausgehoben wurden.


Geschichte des Lagers

Im Rahmen der Endlösung der Judenfrage beauftragte der Reichsführer der Schutzstaffel (SS) und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, im Herbst 1941 den SS-und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement, Odilo Globocnik (1904-1945), mit der Ermordung der dort lebenden Juden.

Vor dem Bau des Vernichtungslagers Sobibor existierten bereits einige Zwangsarbeitslager im Kreis Chelm, die seit 1940 errichtet worden waren.
Lage: In der Nähe des gleichnamigen Dorfes im östlichen Teil des Bezirkes Lublin (Polen), nicht weit entfernt von der Bahnlinie Chelm - Wlodawa. Der Bug fließt 5 km entfernt, an der ukrainischen Grenze. 1942 bildete er die Grenze zwischen dem Generalgouvernement und dem Reichskommissariat Ukraine. Die Gegend war sumpfig und ist heute noch dicht bewaldet.
Sobibor war das zweite Vernichtungslager der Aktion Reinhard. Die von der SS in Belzec (erstes Vernichtungslager der Aktion Reinhard) gemachten Erfahrungen wurden beim Bau berücksichtigt.

Nachdem im März 1942 ein kleines Flugzeug einige Runden über dem Ort gedreht hatte, traf wenige Tage später ein Zug im Bahnhof Sobibor (der gegenüber der Lagerrampe liegt) ein, dem zwei Männer entstiegen: SS-Hauptsturmführer Richard Thomalla, Bau-Experte der Aktion Reinhard, und Bauleiter Moser, beide von der SS-Zentralbauleitung in Zamosc. Sie inspizierten den Bahnhof, vermaßen das Gelände und verschwanden schließlich im gegenüber liegenden Wald.
Wenig später wurde ein Gleis verlegt, das an einer Betonrampe endete (2004 noch zu sehen). Diese Rampe liegt dem Bahnhofsgebäude unmittelbar gegenüber. Deshalb wurde der Lagerzaun so errichtet, dass Gleis und Rampe sich innerhalb des Lagers befanden. Die Deportationszüge fuhren durch ein Tor im Zaun an die Rampe. Neben dem Bahnhofsgebäude gab es noch zwei größere Häuser: Das ehemalige Försterhaus und das Postgebäude.

Während das Lager errichtet wurde, stellte die SS auch das Personal zusammen. Stangl, ein Österreicher mit Erfahrungen im Euthanasie-Programm, hatte SS-Oberscharführer Hermann Michel als Stellvertreter. Dieser hatte ebenfalls am Euthanasie-Programm teilgenommen. Nach einigen Monaten Dienst wurde Michel durch SS-Oberscharführer Gustav Wagner ersetzt. Lager I und III hatten eigene Kommandanten, die aber Stangl untergeben waren.
SS-Oberscharführer Otto Weiss leitete Lager I, wurde aber später ersetzt durch SS-Oberscharführer Karl Frenzel. Kurt Bolender war Kommandant des Lagers III von April 1942 bis Herbst 1942. Dieser wurde später ersetzt durch SS-Oberscharführer Erich Bauer.
Die ukrainischen Bewacher kamen aus dem SS-Ausbildungslager Trawniki. Trainiert hatte sie dort SS-Scharführer Erich Lachmann. Ab August 1942 wurde er Chef dieser Trawnikis in Sobibor. Im Herbst 1942 löste ihn SS-Oberscharführer Kurt Bolender in dieser Funktion ab. Die Trawniki-Männer waren in drei Züge eingeteilt, geleitet von Ukrainern, die bereits im Dienst der deutschen Polizei gewesen waren und entsprechende Ränge hatten.
Der Fortgang der Bauarbeiten wurde von einer Kommission begutachtet, angeführt von SS-Hauptsturmführer Naumann, Chef der Hauptbauabteilung der Waffen-SS und Polizei in Lublin. Die 80 Juden aus umliegenden Ghettos, die die ersten Bauarbeiten ausführten, wurden schließlich erschossen.
Im April 1942 wurde SS-Obersturmführer Franz Stangl zum Kommandanten des Lagers Sobibor ernannt. Er sollte die in Verzug geratenen Bauarbeiten beschleunigen. Stangl besuchte Wirth, den Kommandanten des Lagers Belzec, hörte sich dessen Erfahrungen und Ratschläge an und kam mit entsprechenden Ideen nach Sobibor zurück. Die Bauarbeiten wurden beschleunigt. Mitte April 1942 war das Lager einsatzbereit.

Das Lager war rechteckig (400 x 600 m) und von einem 3m hohen doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. An entsprechenden Stellen verhinderten eingeflochtene Kiefernzweige den Einblick von außen (z.B. an der Rampe im Bahnhofsbereich).
Jeder der vier Lagerbereiche war separat eingezäunt:
Der SS-Bereich (Vorlager)
Das Vorlager bestand aus der Rampe, an der Züge mit bis zu 20 Güterwagen halten konnten, und den Unterkünften für deutsche SS-Männer und Ukrainer (Trawniki Männer / Trawnikis). Über dem Haupttor war ein ca. ca. 0,60x2, 40 m großes Holzschild befestigt, das in gothischen Buchstaben die Inschrift SS-Sonderkommando zeigte. Anders als in Belzec wohnten die SS-Männer innerhalb des Lagers.

die Wohn- und Arbeitsbaracken des jüdischen Arbeitskommandos (Lager I)

das Empfangs-Gelände (Lager II)
Die ankommenden Juden brachte man auf das Empfangsgelände (Lager II). Hier durchliefen sie mehrere Stationen bis zum endgültigen Tod in den Gaskammern: Trennung nach Geschlecht, Abstellen der Koffer, Entkleiden, Abgabe der Wertsachen, Haare abschneiden (Frauen). Hier passierten die Opfer ein ehemaliges zweites Försterhaus (Büro und SS-Quartier, durch einen hohen Holzzaun abgetrennt), einen kleinen landwirtschaftlichen Bereich mit Kühen, Schweinen und Gänsen, eine alte Holzkapelle und Baracken zur Lagerung der Kleidung und sonstigen Habseligkeiten der Opfer. Ein hoher, hölzerner Feuerwachtturm überragte das gesamte Lager.

das eigentliche Vernichtungsbereich (Lager III).
Der absolut isolierte Vernichtungsbereich (Lager III) lag in der nordwestlichen Ecke des Lagers. Hier befanden sich das Gebäude mit den Gaskammern, die Massengräber und die Baracke des jüdischen Sonderkommandos. Ein 3-4 m breiter und ca. 150 m langer Pfad (der Schlauch) führte vom Empfangsbereich direkt nach den Gaskammern. Auch hier war der Stacheldraht mit Zweigen getarnt. Durch diesen Schlauch trieb die SS die nackten Menschen in den Tod. Auf halbem Wege befand sich die Friseur-Baracke wo jüdische Friseure den Frauen die Haare abschnitten, diese wurden zur weiteren Verwendung ins Reich verbracht.
Die drei Gaskammern lagen innerhalb eines Ziegelsteingebäudes. Jede Kammer war 4 x 4 m groß und fasste 160-180 Menschen. Von einer am Gebäude entlang laufenden Veranda betrat man durch abschließbare Türen die Kammern. Auf der anderen Seite wurden die Leichen durch Klapptüren auf eine Rampe gezogen. Ein in einem angebauten Holzverschlag laufender Motor lieferte die tödlichen Abgase, die durch Wasserrohre in die Kammern geleitet wurden.
Die Leichengruben wurden 50-60 m lang, 10-15 m breit und 5-7 m tief ausgebaggert. Die Wände waren schräg, so dass man die Leichen leichter hinunter gleiten lassen und sie enger legen konnte. Ein Schmalspurgleis verlief von der Rampe im Bahnhofsbereich, vorbei an den Gaskammern bis nach den Leichengruben. Während des Bahntransportes verstorbene Menschen wurden auf diesem Gleis in Loren (von den Gefangenen Loras genannt) nach den Gruben geschoben.
Wachttürme entlang des äußeren Doppelzaunes sicherten das gesamte Lager.

Das Vorlager bestand aus der Rampe, an der Züge mit bis zu 20 Güterwagen halten konnten, und den Unterkünften für deutsche SS-Männer und Ukrainer (Trawniki Männer / Trawnikis). Über dem Haupttor war ein ca. ca. 0,60x2, 40 m großes Holzschild befestigt, das in gothischen Buchstaben die Inschrift SS-Sonderkommando zeigte. Anders als in Belzec wohnten die SS-Männer innerhalb des Lagers.

Mitte April 1942, als das Lager fast fertig gebaut war, fanden experimentelle Vergasungen statt. Für diesen Zweck brachte man etwa 250 Juden vom Arbeitslager Krychow nach Sobibor. Wirth, Belzec-Chef und Inspekteur der Aktion Reinhard-Lager, kam zur Beobachtung nach Sobibor. Er wurde begleitet vom Chemiker Dr. Karl Blaurock.
Die Probevergasungen müssen für die SS zufriedenstellend verlaufen sein, denn Anfang Mai 1942 begannen die Massenvergasungen.

Die Deporatationszüge hielten am Bahnhof Sobibor. Manche dieser Züge bestanden aus bis zu 60 Wagen. Nicht mehr als 18-20 Güterwagen wurden jeweils von der Lokomotive durch den getarnten Lagerzaun an die Rampe geschoben. Unter strengster Bewachung verließen die noch Lebenden die dunklen und stinkenden Güterwagen und wurden von den Trawnikis nach dem Empfangsbereich eskortiert. Währenddessen spielte das Lagerorchester.
SS-Oberscharführer Kurt Bolenders Aussage über den Ablauf der nun folgenden Vernichtung:
Bevor sich die Juden entkleideten, hielt Oberscharführer Hermann Michel eine Rede an sie. Hierbei trug er einen weißen Kittel, um den Eindruck zu erwecken er sei ein Arzt. Michel verkündete den Juden, sie würden zum Arbeiten geschickt. Vorher müssten sie jedoch ins Bad und zur Desinfektion, als Vorbeugung gegen die Verbreitung von Seuchen.
Nach dem Ausziehen wurden die Juden durch den Schlauch gebracht, angeführt von einem SS-Mann und fünf oder sechs antreibenden Ukrainern am Ende.
Nachdem die Juden die Gaskammern betreten hatten, schlossen die Ukrainer die Türen. Der Motor wurde vom Ukrainer Emil Kostenko gestartet und vom deutschen Fahrer Erich Bauer aus Berlin bedient. Nach dem Vergasen wurden die Türen geöffnet und die Leichen von einer Gruppe jüdischer Arbeiter herausgeholt.
Älteren Menschen, Kranken und Invaliden wurde gesagt, sie erhielten eine medizinische Versorgung. Sie wurden in Karren gesetzt (später in die Schmalspur-Loren), die von Männern geschoben oder von einem Pferd gezogen wurden bis an die Leichenruben im Lager III. Dort erschoss die SS diese Menschen.
Einige Überlebende meinten, es sei eine Gänseherde in Lager III gehalten worden zum Zweck, die Schreie der Opfer zu übertönen. Obwohl es bekannt ist, dass Gänse sowohl in Sobibor als auch in Belzec und Treblinka gehalten wurden, gibt es bisher keinen Beweis dafür, dass die Tiere für diesen Zweck gehalten worden sind. Zeugen mögen damals angenommen haben, dass das laute Gequake von Gänsen, die vom Brüllen der SS und den Schreien der Opfer erschreckt worden waren, Teil eines Planes der SS war, die Aktivitäten vor und in den Gaskammern zu verbergen. Es scheint jedoch wahrscheinlicher, dass die Gänse eher als Nahrungslieferant für die SS dienten und ihr Geschrei eher zufällig stattfand. Es ist allerdings verständlich, wenn Gefangene gedacht haben, dass die Tiere Teil eines Geheimhaltungsplanes gewesen sind.

Nach den ersten Wochen, in denen sich das Entkleiden noch unter freiem Himmel auf einem Platz in Lager II vollzog, baute man eine spezielle Entkleidungs-Baracke. In diesem Gebäude hingen Schilder Zur Kasse und Zum Bad. An der Kasse mussten die Juden ihr letztes Geld und alle Wertsachen durch eine Fensteröffnung an SS-Oberscharführer Alfred Ittner, den Lagerbuchhalter, abliefern. Er wurde später von SS-Scharführer Herbert Floss abgelöst.
Von vielen Transporten suchte die SS eine begrenzte Anzahl von Facharbeitern (Zimmerleute, Schneider, Schuhmacher etc.) aus, sowie einige Dutzend kräftiger, junger Männer für die schwersten körperlichen Arbeiten beim Entleeren der Gaskammern oder bei der Sortierung der Habseligkeiten (die später nach Deutschland geschickt wurden) der Opfer. Täglich wurden einige von ihnen erschossen oder endeten im Gas. Die so entstandenen Lücken wurden mit dem nächsten Transport aufgefüllt. Die 200 - 300 Männer des jüdischen Sonderkommandos in Lager III hatten keinen Kontakt mit Gefangenen in anderen Bereichen. Ihr Essen wurde von der Küche in Lager I ans Tor des Lagers III gebracht.

In der ersten Phase des Massenmordes in Sobibor, vom 5. Mai (Transport aus Opole) bis Ende Juli 1942, wurden ca. 90-100.000 Juden umgebracht. Die Transporte kamen hauptsächlich von Ghettos im Bezirk Lublin (mindestens 57.000), der Tschechischen Republik und der Slowakei (6.000) sowie Deutschland und Österreich (10.000).

Ende Juli 1942 wurden die Transporte wegen Bauarbeiten an der Eisenbahnstrecke zwischen Lublin und Chelm unterbrochen. Während der nächsten zwei Monate kamen nur kleinere Transporte aus der Umgebung an.
In dieser Phase wurden die alten Gaskammern durch ein neues Gebäude ersetzt, weil ihre Kapazität (600 Leichen pro Vergasung) nicht mehr ausreichte. SS Unterscharführer Erwin Lambert beaufsichtigte die Bauarbeiten, unterstützt von SS-Scharführer Lorenz Hackenholt. Beide waren letztlich in hohem Maße am Bau sämtlicher Gaskammern der NS-Euthanasie (Aktion T4) und der Aktion Reinhard beteiligt.
Das neue Gaskammer-Gebäude hatte sechs Kammern, jeweils drei an beiden Seiten eines Mittelganges. Nun konnten 1.300 Menschen gleichzeitig umgebracht werden.

Nach Beendigung der Bauarbeiten an der Bahnstrecke Lublin - Chelm trafen zwischen Oktober 1942 und Juni 1943 weitere Transporte aus dem Generalgouvernement (145 - 155.000) und der Slowakei (25.000) ein.

im Februar 1943 besichtigte Reichsführer-SS Heinrich Himmler das Lager. Es war vorher aufgeräumt und gesäubert worden und wirkte offensichtlich nicht voll ausgelastet, denn Himmler befahl anschließend, dass von nun an Transporte aus den Niederlanden nach Sobibor fahren sollten. Um Himmler den Vergasungsprozess zu demonstrieren wurde eine Gruppe von mehreren hundert Jüdinnen eines nahe gelegenen Arbeitslagers vergast.

Im März 1943 kamen 4.000 Juden aus Frankreich in Sobibor an. Alle Menschen wurden umgebracht. Zwischen März und Juli 1943 trafen 19 Transporte aus den Niederlanden ein (die genaue Anzahl kann evtl. nie festgestellt werden; die am häufigsten genannten Zahlen sind 19 Transporte mit insgesamt 34.313 Juden, von denen weniger als 20 überlebten). Diese Juden reisten in Personenwagen. Die SS hieß sie höflich willkommen um Probleme zu vermeiden. Letztlich mussten sie aber auch den Weg nach den Gaskammern gehen. Wären die niederländischen Juden nicht fest überzeugt gewesen von einer Zukunft in einem Arbeitslager im Osten, hätten sie sicher versucht, den Personenwagen zu entkommen oder von der Rampe in Sobibor wegzulaufen.

Am 5. Juli 1943 befahl Himmler die Erweiterung des Lagers um einen Bereich zur Lagerung von Munition (Lager IV). Bunker wurden gebaut, ein Minengürtel um das gesamte Lager gelegt.
Gegen Ende September 1943 traf der letzte Transport mit 14.000 Juden aus den Ghettos von Vilnius (Vilna / Wilna / Wilno), Minsk und Lida ein.

Namensliste der Opfer


Wachmanschaft

SS-Brigadeführer Odilo Globocnik
SS-Sturmbannführer Christian Wirth
(Ehemals Leiter der Polizei in Stuttgart, Deutschland)
SS-Hauptsturmführer Franz Reichleitner
SS-Hauptsturmführer Franz Stangl
SS-Oberscharführer Erich Bauer

SS-Oberscharführer Rudolf Beckmann
SS-Oberscharführer Kurt Bolender
SS-Oberscharführer Paul Bredow
SS-Oberscharführer Werner Dubious
SS-Oberscharführer Kurt Franz
SS-Oberscharführer Karl Frenzel
SS-Oberscharführer Hubert Gomerski

SS-Oberscharführer Hermann Michel
SS-Oberscharführer Heinrich Unverhau
SS-Oberscharführer Gustav Wagner
SS-Unterscharführer Erich Fuchs
SS-Unterscharführer Robert Jührs
SS-Unterscharführer Johann Klier
SS-Unterscharführer Erwin Lambert
SS-Unterscharführer Franz Wolf

SS-Unterscharführer Josef Wolf
SS-Unterscharführer Ernst Zierke

SS-Scharführer Herbert Floss
SS-Scharführer Paul Groth

SS-Scharführer Ludwig Karl
SS-Scharführer Heinz-Hans Schütt

Oberwachtmeister der Polizei Arthus Dacshel
Oberwachtmeister der Polizei Erich Lachmann
Richard Thomalla Er war verantwortlich für den Aufbau der Vernichtungslager Sobibor


Abfertigung der ersten Transporte

Von einem ankommenden Transportzug wurden bis zu zehn Güterwagen vom Zuge abgetrennt und von der Lokomotive auf das Rangiergleis innerhalb des Lagers gedrückt. Die Lokomotive fuhr aus dem Lagerbereich hinaus; hinter ihr wurde das Tor über den Gleisen geschlossen. Von Angehörigen der deutschen und ukrainischen Wachmannschaft wurden die Güterwagen nacheinander geöffnet. Die zumeist darin dicht gedrängten Menschen wurden aufgefordert, auszusteigen und sich auf der Rampe, getrennt nach Geschlechtern, aufzustellen, wobei Kinder bis zum Alter von 6 oder 7 Jahren bei ihren Müttern, bzw. bei den Frauen zu bleiben hatten. Aus der Gruppe der Männer wurde ein Arbeitskommando ausgewählt, das bei dem Aussteigen namentlich der Alten und Gebrechlichen wie auch beim Entladen der Waggons von größeren Gepäckstücken behilflich zu sein hatte. Die Ankömmlinge wurden angewiesen, ihr Gepäck auf der Rampe stehen zu lassen. Nacheinander wurden die beiden Gruppen dann durch den Schlauch bis zum Lager II geführt. Spätestens hier, wenn nicht schon an der Rampe, hielt ein Angehöriger der deutschen Lagermannschaft eine Ansprache, vorzugsweise der bisher nicht ermittelte SS-Scharführer M. Er wurde »der Doktor « genannt, weil er dabei gern einen weißen Kittel trug. Er erklärte den Ankömmlingen, um sie plangemäß ahnungslos zu erhalten oder zu machen: Sie seien in ein Lager gekommen, von wo aus sie weiter in Arbeitseinsätze gelangen würden. Das Zusammenleben so vieler Menschen verlange hygienische Maßnahmen. Alle sollten daher ein Brausebad nehmen. Ihr Gepäck werde bewacht, ebenso ihre Kleidung, da sie sich auf dem Platze hier ausziehen müßten. Aber die Kleidung müsse fein säuberlich zusammengelegt werden, die Schuhe nach vorn. Wertgegenstände seien zur Verwahrung abzugeben, an jenem Schalter dort, am
Forsthaus. Die Zahl, die ihnen der Mann hinter dem Schalter zurufe, müsse behalten werden für die spätere Rückgabe der Gegenstände.
Insbesondere M. vermochte diese auf Täuschung abzielende Ansprache oftmals so überzeugend zu halten - häufig flocht er Bemerkungen über einen Judenstaat ein, den die Ankömmlinge in der Ukraine mit eigener Verwaltung gründen sollten - daß die ihre alsbaldige planmäßige Tötung nicht ahnenden Menschen, die nur Hunger und Elend der überfüllten und teilweise schmutzigen Ghettos und Läger bei ständiger Gefahr durch ihre Bewacher kannten, Beifall klatschten, teils in Jubel und Hochrufe ausbrachen. Wo solche freudige Erwartung nicht erzielt werden konnte, wo bei den Ankömmlingen Skepsis, sogar Widerstreben nicht überwunden wurde, halfen Drohungen der um sie herumstehenden Bewaffneten nach, nicht selten gezielte Schüsse, so daß sie sich fügten. Sowie die Gruppe sich entkleidet, Wertgegenstände abgegeben hatte, wurde sie nackt, ohne jede Rücksicht auf die Witterung, durch das westliche Tor des Lagers II in den Schlauch nach Lager III und in die Gaskammer, die insgesamt etwa 200 Menschen faßte, geführt oder je nach Erfordernis getrieben.

Das an der Rampe zuvor ausgewählte Arbeitskommando hatte die Gepäckstücke von der Rampe auf den großen freien Platz zwischen Lager II und Lager III zu tragen und dort zu stapeln. Es hatte ferner die Aufgabe, den Entkleidungsplatz im Lager II von den abgelegten Habseligkeiten der Opfer zu säubern. Auch die Kleidungsstücke wurden an bestimmter Stelle hinter der nördlichen Begrenzung des Lagers II zusammengetragen. Sodann war der Platz innerhalb von Lager II zu harken und so für die nachfolgende Gruppe wieder in einen unverdächtigen Zustand zu versetzen. Einen Teil des Arbeitskommandos hatte man bereits an der Rampe von den übrigen Arbeitern abgesondert. Dieses Kommando hatte den Kranken und Gebrechlichen und auch Kindern, die nicht mit den Frauen den vorher beschriebenen Vernichtungsweg gingen, auf Fuhrwerke zu helfen.
Deutsche Aufseher erklärten diesen Ankömmlingen, um sie im Sinne des Tötungsplanes arglos zu halten oder zu machen, sie kämen in das Lazarett des Lagers. Sie wurden in das Waldstück östlich des Lagers III gefahren und dort an einer kleineren Grube in der Nähe der Lagerstraße durch Angehörige der deutschen und der ukrainischen Lagermannschaft erschossen und verscharrt. Ein anderer vorher abgesonderter Teil der Arbeiter wurde in das Lager III geführt und dort mit äußerstem Zwang veranlaßt, die Leichen aus den Gaszellen zu räumen und in den Gruben des Lagers III zu stapeln. Zuvor hatten diese Häftlinge die Körperhöhlen der meist kotig beschmutzten Leichen auf versteckte Wertsachen zu untersuchen und den Leichen eventuelle Goldzähne und goldene Brücken aus den Gebissen zu brechen. Das gewonnene Gold wurde in einer Tonne gesammelt und anschließend ins Lager II zum Forsthaus geschafft, wo alle Wertsachen gesammelt wurden. Nach Abschluß all dieser Arbeiten bei einem Transport wurden als letzte die herausgenommenen Arbeitshäftlinge an der Gruben des Lagers III erschossen und ebenfalls darin verscharrt.

Nachdem bei einigen Transporten so verfahren worden war, häuften sich Kleidungs- und Gepäckstücke auf dem großen Platz zwischen Lager II und Lager III, den man auch den Exerzierplatz nannte. Mit größer werdenden Transporten wurde immer mehr Eile in der Abwicklung notwendig. Es kam vor, daß ein neuer Transportzug auf dem Nebengleis, auch längere Zeit, warten mußte, während ein anderer Transport noch abgefertigt wurde. Selbstverständlich blieben die Waggons des wartenden Zuges geschlossen, selbst wenn die Wartezeit mehr als einen Tag in Anspruch nahm. Das Lager bedurfte daher eingearbeiteter, geübter Hilfskräfte. Aus den ankommenden Transporten wurden fortan jeweils einige, insbesondere jüngere Jüdinnen und Juden ausgewählt, die einen besonders kräftigen und leistungsfähigen Eindruck machten, um sie bis zur Erfüllung des Lagerzwecks oder bis zum vorzeitigen Verbrauch ihrer Arbeitskräfte bei der Vernichtung ihrer eigenen Leidensgenossen einzusetzen. So wurden nach und nach immer mehr sogenannte Arbeitsjuden einstweilen von der planmäßigen Vernichtung als Dauerarbeitskommando zurückbehalten. Damit begann eine neue Aufbauphase des Lagers. Westlich des Schlauchs um den deutschen Wohnbezirk wurde innerhalb des Gesamtlagers das Lager I abgeteilt. Es wurde umzäunt und erhielt besondere Vorkehrungen zur Abwendung einer möglichen Flucht. Im Westen dieses Lagerbereichs wurde ein breiter Wassergraben gezogen. Die einzige Öffnung in der Umzäunung war ein ständig bewachtes Tor an der Nordostecke des Lagers I. In diesem Lagerteil wurden mit steigender Zahl der Arbeitshäftlinge immer mehr Unterkunftsbaracken gebaut. Die erforderlichen Baracken wurden teilweise, wahrscheinlich durch die SS-Zentralbauverwaltung, per Eisenbahn geliefert, zum andern wurden sie durch Kommandos der Arbeitshäftlinge in Ortschaften in der Nähe des Lagers abgerissen und im Lager neu aufgebaut. Da auch bei diesen Bauarbeiten Häftlinge eingesetzt wurden, die über entsprechende berufliche Vorbildung verfügten und nach diesen Gesichtspunkten bei ankommenden Transporten ausgewählt wurden, entstanden erste Werkstätten im Lager I. Ihre Zahl vermehrte sich, je spezialisierter die Arbeitsteilung im Lager wurde. Es gab nach und nach Tischler, Zimmerer, Maler und Spengler mit eigenen Werkstätten. Einige Häftlinge wurden unter der Leitung des Häftlings, Hersh Cukierman zum Küchendienst eingesetzt. Eine solche Küche für die jüdischen Arbeitshäftlinge und für die Ukrainer befand sich zunächst in einem Teil einer Unterkunftsbaracke für die ukrainische Wachmannschaft im Vorlager. Später wurde im Lager I für die Arbeitshäftlinge eine eigene Küche unter Cukiermans Leitung eingerichtet. Im Lager I befanden sich schließlich, neben den mindestens drei Unterkunftsbaracken und den zuvor erwähnten Werkstätten wie auch der Küche und einer Bäckerei, eine Wäscherei, die sowohl für die Häftlinge, als auch für Ukrainer und Deutsche tätig war, ferner eine Baracke, in der Schneider, Flickerinnen und Plätterinnen arbeiten mußten. Das bei der Abwicklung ankommender Transporte anfallende Schuhwerk wurde von einem besonderen jüdischen Arbeitskommando in einer Baracke zwischen Lager I und Lager II sortiert. Dort wurde auch eine Schuhmacherei eingerichtet, wo jüdische Schuster Schuhe und Stiefel für die Angehörigen der deutschen Mannschaft aus Leder fertigten, das den ankommenden Häftlingen abgenommen wurde. Ein größerer Teil der Arbeitshäftlinge, Männer wie Frauen, wurde bei der Sortierung von Kleidung und Gepäck der getöteten Juden beschäftigt. Als Arbeitsräume wurden für sie unmittelbar nördlich der Umzäunung des Lagers II drei Baracken errichtet (Nummer 25-27 des Lageplanes). Hier (und in zwei später errichteten Baracken südlich davon - Nr. 23 und 24) arbeitete eine steigende Anzahl jüdischer Frauen und Männer bei der Sortierung nach den Richtlinien, die das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt des RSHA mit entsprechendem Schreiben Franks vom 26. September 1942 gegeben hatte.

Eine besondere Arbeitsgruppe sortierte die Kleidung nach Brauchbarkeit, eine andere trennte Judensterne von brauchbaren Kleidungsstücken ab. Wieder andere Arbeiter hatten Kleidungsstücke bei peinlicher Durchsuchung auf verräterische Hinweise und auf versteckte Wertgegenstände durchzusehen und nach Gebrauchseignung (Kinder-, Frauen-, Männerkleidung) zu sammeln und zu bündeln, worauf sie bis zum Abtransport in das Lubliner Zentrallager »Alter Flugplatz« in einer der Baracken gelagert wurden.
Mitglieder dieses Arbeitskommandos hatten mit dem angefallenen Gut von Zeit zu Zeit Waggons an der Rampe zu beladen. L. schilderte bei seiner Einlassung nach 1945, daß er im Herbst 1942 im Lager »Alter Flugplatz« die Wände ehemaliger Flugzeughallen zu versteifen hatte, die berstend gefüllt waren mit solchen Gegenständen aus den Vernichtungslagern der Aktion Reinhard.

Ebenso wie mit der Kleidung wurde mit dem weiteren Inhalt des Gepäcks verfahren, mit Wäschestücken, Gegenständen des persönlichen Bedarfs, mit Koffern, Dokumente und persönliche Papiere der Opfer wurden unmittelbar von sogenannten »Feuermänner«, verbrannt.

Am Schalter des Forsthauses abzugebende Wertgegenstände wurden von einem jüdischen Häftling, der von Beruf Juwelier war, sortiert und versandfertig gemacht. Hierhin gelangte auch das im Lager III gewonnene Zahngold in nicht unbeträchtlichen Mengen. Ein anderes jüdisches Arbeitskommando, bestehend aus etwa 20 kräftigen, jüngeren Männern, das sogenannte Bahnhofskommando, wurde besonders eingekleidet und erhielt Mützen mit entsprechender Aufschrift. Diese Kolonne hatte bei Ankunft von Transporten auf ein besonderes Kommando hin anzutreten und sich auf der Rampe einzufinden. Die übrigen Arbeitshäftlinge wurden zuvor in das Lager I zurückgeführt und dort eingeschlossen, soweit sie nicht für die Abwicklung eines Transportes notwendige Arbeiten zu verrichten hatten, etwa das Abräumungskommando für den Entkleidungsplatz im Lager II. Das Bahnhofskommando hatte unter Aufsicht des deutschen Personals den Ankömmlingen nach öffnen der Waggons beim Aussteigen behilflich zu sein und überhaupt für ein schnelles und reibungsloses Leeren der Waggons zu sorgen. Ihm oblag ferner die schreckliche Aufgabe, Kranke, Gebrechliche und Kinder auf bereitstehende Loren zu laden, nachdem etwa im Sommer 1942 von der Rampe bis zum Lager III eine Feldbahn gebaut worden war, ebenfalls durch jüdische Arbeitskommandos. War nach Ansicht des deutschen Personals besondere Eile vonnöten, wurden die jungen Männer des Bahnhofskommandos angewiesen, jene alten Leute, Kranke und Kinder auf die Loren zu werfen, zusammen mit etwa bereits in den Waggons befindlichen Leichen. Dabei gab es nicht selten Verletzte und Tote. Das Bahnhofskommando hatte ferner restliche Gepäckstücke aus den Waggons zu laden. Teilweise kamen Menschen völlig ahnungslos nach Sobibor, die ihren nahezu gesamten Hausrat mitbrachten, weil sie fest an ihre Umsiedlung glaubten. Das Kommando hatte das auf der Rampe stehengebliebene Gepäck der Ankömmlinge zur Sortierung zu schaffen, nachdem die Opfer durch den Schlauch fortgeführt waren. Auch hierzu wurde die zuvor erwähnte Lorenbahn benutzt. Sie führte unmittelbar an den Sortierbaracken, Nummern 25, 26, 27 des Lageplanes, vorbei. Sodann hatte das Kommando die Waggons zu säubern und in einen unverfänglichen Zustand zu versetzen. Die Laderäume der Eisenbahnwagen waren nicht selten mit Kot und Erbrochenem beschmutzt. Meist hatte die Fahrt der Opfer mehrere Tage und Nächte gedauert, und die Waggons waren nicht einmal geöffnet worden, damit die dicht gedrängten Menschen ihre Notdurft hätten verrichten können. Als Letztes hatte das Bahnhofskommando auch die Rampe peinlich zu säubern. Kamen keine Transporte, wurde das Kommando zu Säuberungsarbeiten im gesamten Lagerbereich, außer im Lager III, eingesetzt, oder es diente der Verstärkung von Bautrupps. Zuweilen hatte es mitzuhelfen bei der Verladung von sortierten Gegenständen. Auch das Lager III erhielt ein festes Kommando von etwa 150 Arbeitern. Sie wurden im Lager III in besonderen Baracken untergebracht und streng getrennt gehalten von den übrigen Arbeitshäftlingen. Sie unterlagen besonders peinlicher Bewachung. Den Arbeitern im übrigen Teil des Lagers war bei »Todesstrafe« verboten, sich der Umzäunung des Lagers III weiter als bis zu bestimmtem Abstand zu nähern, und niemand von ihnen durfte zu erkennen geben, um die Vorgänge im eigentlichen Todesbezirk zu wissen.

Das Los der Arbeiter im Lager III war grauenhaft. Sie hatten im wesentlichen nichts anderes zu tun, als die Gaskammern von Leichen zu leeren, deren Körperhöhlen nach Wertsachen zu untersuchen, Goldzähne aus den Gebissen zu brechen und die Leichen zu den Gruben zu bringen und sie darin eng nebeneinander zu betten. Im Laufe des Sommers 1942 hatten sie die erforderlichen Gruben auszuheben, nachdem andere bereits mit Leichen gefüllt und mit einer dünnen Erdschicht abgedeckt waren. Aus zweierlei Gründen erschienen der Lubliner Zentrale und der Lagerleitung in Sobibor neue Baumaßnahmen im Herbst 1942 notwendig. Die Gaskammern erwiesen sich als zu klein, die »Leistung« des Lagers Sobibor war zu gering. Durch einen Bautrupp der Lubliner Zentrale wurde unter der technischen Leitung Ls. das alte Gaskammergebäude zum Teil abgerissen und durch einen neuen, größeren Massivbau mit doppelter Anzahl von Kammern ersetzt. Die Zellen - jede bekam eine Fläche von 4 X 4 und eine lichte Höhe von 2,20 m- wurden zu beiden Seiten des Gebäudes entweder so angelegt, daß sie einen Mittelgang freiließen oder daß sie nur eine Reihe bildeten. Jede der Zellen konnte mit etwa 80 Menschen, wenn sie dicht gedrängt standen, gefüllt werden. Bei nunmehr sechs Kammern konnten nach Fertigstellung der Bauarbeiten, die wegen des Einsatzes jüdischer Häftlinge als Handlanger zügig innerhalb weniger Wochen vorangingen, jeweils etwa 480 Menschen bei einem Vergasungsvorgang getötet werden. Da sich die alten Gaskammern vorher nicht nur als zu klein, sondern wegen der zu kleinen Außentüren als zu unpraktisch für das Herausholen der Leichen erwiesen hatten, wurden an den Außenseiten der Zellen große Schwingtore angebracht. Das Arbeitskommando des Lagers III konnte nunmehr leichter die meist gräßlich beschmierten dicht gedrängt stehenden oder zu einem Knäuel verwirrten Leichen aus den Zellen schaffen und in den Feldbahnloren zu den Gruben fahren.

Ein besonderes Kommando der Häftlinge im Lager III hatte die Zellen schnellstens von Blut und Kot zu säubern, bevor der nächste Schub von Opfern die Zellen vom Gang des Gebäudes her betrat. Schon im Laufe des Sommers 1942 hatte ein anderer Grund zur teilweisen Umstellung der Vernichtungsmechanik gezwungen. Infolge der Hitze quollen die bereits gefüllten Leichengruben auf, gaben Leichenwasser ab, zogen Ungeziefer an und erfüllten die gesamte Gegend des Lagers mit grauenhaftem Gestank. Die Lagerleitung befürchtete außerdem die Vergiftung des Trinkwassers,
das im Lagergebäude durch Tiefbrunnen gewonnen wurde. Ein schwerer Bagger mit Greifer-Ausleger wurde daraufhin in das Lager geschafft, wobei jüdische Arbeitshäftlinge zu helfen hatten. Die schon verwesten Leichen wurden mit Hilfe des Baggers aus den Gruben gehoben und auf großen Rosten in einer bereits ausgeschachteten, aber noch leeren Grube verbrannt. Die Roste bestanden aus alten Eisenbahnschienen, die über Betonfundamente gelegt wurden. Fortan wurden alle Leichen, die mit den Vergasungen anfielen, sofort über diesen Feuerstellen verbrannt und dies auch nachts. Der Feuerschein war nicht nur im Lager, sondern auch außerhalb zu sehen, und der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte weithin die Luft. Die Umstellung im Lager III führte zu einem neuen Arbeitskommando und damit zur Vergrößerung der Häftlingszahl im Lager I auf etwa 300 bis 600 Menschen. Es wurde ein sogenanntes Waldkommando aufgestellt, das in den Wäldern in der Nähe des Lagers brennbares Holz zu fällen hatte. Es diente als Anbrennmaterial für die Leichenverbrennungen im Lager III. Wegen des großen Materialbedarfs war dieses zahlenmäßig starke Kommando von morgens bis abends außerhalb des Lagers unter scharfer Bewachung von Ukrainern und unter der Führung mehrerer Angehöriger der deutschen Lagermannschaft tätig.

Zur besseren Rationalisierung und Täuschung wurde Anfang 1943 vor oder zu Beginn der im März 1943 einsetzenden Transporte aus den Niederlanden unmittelbar westlich des Rampenendes eine längere Baracke im rechten Winkel zu den Gleisen gebaut. Von der Rampe her wurde bis zur Stirnseite dieser Baracke ein neuer Schlauch aus Stacheldrahtzäunen aufgestellt, ebenso an der hinteren Stirnseite der Baracke auf das Tor des Lagers II zu. An die nördliche Längsseite dieser Baracke wurden rechtwinklig jene oben bereits erwähnten Sortierbaracken (Nummer 23 und 24) angebaut. Die Baracke 22, die zum Gleis und zum Lager hin je ein Tor besaß und so einen überdachten Durchgang bildete, diente fortan als Gepäckabgabestelle. Um die ahnungslosen Holländer zu täuschen, war hier ein Arbeitskommando von Häftlingen eingesetzt, das Gepäckstücke anzunehmen und den Eigentümern eine Zahl zuzurufen hatte. Es läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob die Ankömmlinge nicht sogar »Gepäckscheine« ausgehändigt bekamen. Sie wurden in jedem Falle bewußt in den Irrtum versetzt, es handele sich hier um eine Gepäckaufbewahrung. Da die Holländer, wie überhaupt die Deportierten aus den Ländern westlich von Polen, keinerlei Ahnung hatten, was in jenen Lägern vor sich gehen würde - sie wurden regelmäßig in normalen Personenzügen transportiert - gelang die im Sinne der Führung gewollte Täuschung.


Eintreffen der Transporte

Beim Eintreffen der Transporte waren alle verfügbaren Angehörigen der Kommandos zugegen. Wenn ein Judentransport ankam, wurde die regelmäßige Beschäftigung eingestellt und jeder Angehörige des Stammpersonals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt

Die Eisenbahnwaggons wurden von deutschen und Trawniki-Männern geöffnet und die Menschen wurden aufgefordert, auszusteigen. Sie wurden von einem Kordon aus Trawniki- Männern umstellt. Das Entladen der Menschen ging einher mit lautem Schreien, Schlagen und auch Schüssen. Weigerten sich die Menschen auszusteigen, bestiegen Trawnikis die Waggons und trieben die Zögerlichen mit aller Gewalt aus dem Zug auf die Rampe.
Die wartenden Menschen wurden angewiesen, ihr Gepäck auf der Rampe stehen zu lassen. Sie wurden anschließend nacheinander in Gruppen bewacht von deutschen und Wachmannschaftsangehörigen durch den abgesperrten Lagerweg zum Lager 2 getrieben. Dort hielt ein deutscher SS-Mann eine Ansprache, um die Menschen plangemäß ahnungslos zu machen oder zu halten. Hierbei führte er sinngemäß aus, dass die Menschen in ein Lager gekommen seien, von wo aus sie weiter in Arbeitseinsätze gelangen würden. Das Zusammenleben so vieler Menschen verlange hygienische Maßnahmen. Alle sollten daher ein Brausebad nehmen. Ihr Gepäck werde bewacht, ebenso ihre Kleidung, da sie sich auf dem Platz hier ausziehen müssten. Wertgegenstände seien zur Verwahrung abzugeben. Auch das Entkleiden war von fortwährenden Misshandlungen begleitet, alle Opfer wurden zu äußerster Eile angetrieben, um ihnen keine Zeit zum Nachdenken oder zur Gegenwehr zu lassen. Bei widerstrebenden Ankömmlingen wurden im Zweifel Drohungen oder gezielte Schüsse der herumstehenden ukrainischen Bewaffneten angewandt, so dass sie sich fügten. Nachdem die Menschen sich entkleidet und ihre Wertsachen abgegeben hatten, wurden sie nackt, ohne Rücksicht auf die Witterung, in Gruppen durch das westliche Tor des Lagers 2 in den Schlauch nach Lager 3 in die Gaskammern geführt oder je nach Erfordernis getrieben. Eine solche Gruppe wurde von einem deutschen SS-Mann angeführt; seitlich und am Ende liefen mit Stöcken und Schusswaffen bewaffnete Angehörige der ukrainischen Wachmannschaft, die eine entsprechend bedrohliche Haltung annahmen, um jeglichen Widerstand der Opfer zu unterbinden. Etwa 80 Personen wurden in jeweils eine Gaskammer gedrängt, die etwa 4 mal 4 Meter groß war. Es herrschte eine extreme räumliche Enge. Anschließend wurden die hermetisch schließenden Türen verschlossen und Motorabgase in die Gaskammern geleitet. Spätestens jetzt wurde den eingesperrten Menschen ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen und Bekannten, die mit ihnen gekommen waren, bewusst. Die einsetzende Panik unter den Eingeschlossenen äußerte sich für die draußen wartenden Trawniki-Männer durch Schreien, lautes Weinen und Klopfen. Die eingesperrten Menschen versuchten verzweifelt, von innen die Türen zu öffnen, was ihnen jedoch nicht gelang. Es entstand eine tödliche Mischung aus Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Nach einer Phase der Bewusstlosigkeit trat der Tod durch Lähmung des Atemzentrums ein. Nach etwa 20 – 30 Minuten waren die Menschen tot.
Neben dieser Tötung durch die Gaskammer erfolgten auch Erschießungen von gebrechlichen Personen sowie in den Fällen, in denen lediglich eine geringere Anzahl von Opfern getötet werden sollten.


Aufstand und Schließung des Lagers

Während der Existenz des Vernichtungslagers kam es immer wieder zu Widerstand und Flucht. So erhob sich am 20. Juli 1942 das Waldkommando (Baumfällarbeiten, Feuerholz besorgen, Zweige zur Tarnung beschaffen). Acht Gefangene konnten fliehen, die anderen wurden von der SS ermordet.
Im Juli / August 1943 formierte sich eine Widerstandsgruppe unter der Leitung von Leon Feldhendler, Vorsitzender des Judenrates im Ghetto Zolkiew.

Mit einem der letzten Transporte kamen schließlich jüdische Angehörige der Roten Armee ins Lager, unter ihnen der Offizier Aleksander (Sascha) Pechersky. Er wurde bald zum Führer der Widerstandsgruppe, Feldhendler wurde sein Vertreter.

Der große Aufstand im Lager war für den 13. Oktober 1943 geplant, doch die unerwartete Ankunft von SS-Truppen aus dem Arbeitslager Ossowa verlangte eine Aufschiebung um 24 Stunden.

Am 14. Oktober waren Reichleitner, Wagner und Gomerski im Urlaub. Die zusätzliche Abwesenheit von Wagner und Gomerski, zwei der grausamsten SS-Männer in Sobibor, bedeutete eine erhebliche Schwächung der Lagermannschaft.
Gegen 16 Uhr suchte der stellvertretende Kommandant SS-Untersturmführer Johann Niemann die Schneiderei auf um eine neue Uniform anzuprobieren. Dort wurde er vom Häftling Yehuda Lerner durch einen Hieb mit der Axt umgebracht. Das war der Beginn des großen Aufstandes. Ein Zurück war nicht mehr möglich! Im Verlauf der Kämpfe wurden zehn Deutsche, zwei Volksdeutsche und acht Trawnikis getötet, SS-Oberscharführer Werner Dubois wurde schwer verletzt.

Am 15. Oktober schickte der SSPF Lublin, Odilo Globocnik, ein Fernschreiben an den SSPF in Luzk, SS Brigadeführer Wilhelm Günther. Die in dem Telegramm genannte Zahl von 700 geflüchteten Juden ist falsch, denn zu dem Zeitpunkt gab es insgesamt nur 700 Juden in diversen Kommandos. Etwa 300 Gefangenen gelang die Flucht, die meisten von ihnen kamen aber bei der anschließenden Hetzjagd ums Leben. Die meisten der im Lager verbliebenen Juden wurden umgebracht.

Am 23. November 1943 ordnete Wagner die Erschießung der letzten noch lebenden ca. 30 Juden an. Die SS-Männer Jührs, Sporleder und Zierke, unterstützt durch Trawnikis (u.a. Bodessa und Kaiser), ließen die Juden bis zur Erschöpfung arbeiten und erschossen sie dann in Gruppen zu fünft.

In Folge des Aufstandes beschloss die SS das Lager aufzulösen. Lager III wurde sofort zerstört. Andere Einrichtungen, besonders die in der Nähe der Rampe, wurden bis Juli 1944 vom Baudienst benutzt. Ein Zeuge aus Wlodawa (damals im Baudienst in Sobibor als Kutscher tätig) meint, dass die Gaskammern nicht zusammen mit den anderen Gebäuden des Lagers III abgerissen worden sind, sondern später.

Im Sommer 1944 wurde das Gebiet um Sobibor von der Roten Armee und polnischen Kämpfern befreit. Etwa 50 Juden hatten Sobibor überlebt. Viele hatten sich den Partisanen angeschlossen oder sich bis zum Kriegsende verstecken können.

Die meisten Baracken wurden erst nach dem Krieg abgebaut. Zwischen 1945 und 1947 nutzte man die Rampe für die Rücksiedlung von im Osten des Kreises Lublin lebenden Ukrainern. Diese benutzten das Holz der letzten Lagerbaracken als Feuerholz, während sie auf ihre Züge warteten (manchmal bis zu einer Woche).
Der große Wachtturm wurde nicht zerstört weil er nun wieder dem Forstamt Sobibor zum Brandschutz diente. Das Haus des Lagerkommandanten (Schwalbennest) blieb auch erhalten. Es war schon vor dem Krieg erbaut worden und gehörte ebenfalls der Forstbehörde.

Der reguläre Zugverkehr in Sobibor wurde 1999 eingestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof in Betrieb.

In Sobibor verloren zwischen 150.000 und 250.000 Juden ihr Leben.


Bericht Bauer Erich

Innerhalb des Lagers hatte normalerweise jeder Angehörige des Stammpersonals eine bestimmte Funktion (z.B. Zugführer der ukrainischen Hiwis, Leiter eines Arbeitskommandos, Ausheben von Gruben, Verlegung von Stacheldraht und ähnliches mehr).
Wenn jedoch ein Judentransport ankam, fiel so viel »Arbeit« an, daß die regelmäßige Beschäftigung eingestellt wurde und jeder
Angehörige des Stammpersonals in den routinemäßigen Vernichtungsvorgang irgendwie eingreifen mußte. Vor allem bei dem Entladen der Transporte ist jeder Angehörige des Stammpersonals irgendwann eingesetzt gewesen. Das Entladen der Transporte erfolgte durch Arbeitsjuden, die sehr grob mit den Juden umgingen. Die Juden wurden gewaltsam aus den Waggons gezerrt und geschmissen, so daß sie teilweise Knochenbrüche erlitten. Während dieses Vorgangs standen ukrainische Hiwis mit gezogenen Karabinern Wache. Die Oberaufsicht wurde von Angehörigen des Stammpersonals geführt. Dabei waren abwechselnd alle Angehörigen des Stammpersonals tätig. Hiervon kann sich niemand ausnehmen. Es ist daher unrichtig, wenn einzelne Lageraufseher behaupten, sie hätten innerhalb des Lagers lediglich Gruben ausgehoben oder Stacheldraht verlegt. Diese Arbeiten oblagen den einzelnen Aufsehern nur dann, wenn keine Transporte angekommen waren. Jeweils nach Ankunft eines Transportes wurden sämtliche Arbeiten innerhalb des Lagers eingestellt und zunächst die Vernichtungsvorgänge abgewickelt. Insbesondere bezüglich B. kann ich mit Sicherheit bekunden, daß auch er bei dem Entladen der Transporte und bei dem anschließenden Beladen der Waggons mit Kleidungsstükken als Aufsichtsperson eingesetzt war. Im Laufe der Zeit hatte sich der Vernichtungsvorgang routinemäßig so eingespielt, daß alles wie ein Uhrwerk funktionierte. Jeder sprang da ein, wo er gerade benötigt wurde, wobei allerdings die Gesamtaufsicht im wesentlichen Stangl und W. oblag. Nach dem Entladen wurden die Juden in das Lager II geführt. Dort hielt M. eine kurze Ansprache. Er sagte den Juden, daß sie die Wertgegenstände abgeben müßten, sich zu entkleiden hätten und anschließend gebadet würden, um alsdann zum Arbeitseinsatz zu kommen. In Wahrheit wurden die Juden jedoch in Gruppen zu etwa je 50-100 Personen (Frauen und Männer getrennt) durch den sogenannten Schlauch in die Gaskammern geführt. Der Weg zu den Gaskammern erfolgte in der Weise, daß irgendein Angehöriger des Stammpersonals der Gruppe voranschritt. Dem Aufseher folgten die nackten Juden und hinter den Juden gingen etwa 5 ukrainische Hiwis mit gezogenen Karabinern. Die zur Vernichtung bestimmten Gruppen sind nicht von einem bestimmten Lageraufseher, sondern immer von einem anderen Angehörigen des Stammpersonals angeführt worden. Auch ich habe etwa 3-oder 4 mal zur Vernichtung bestimmte Gruppen durch den Schlauch zu den Gaskammern geführt. Im übrigen kann sich wohl kein Angehöriger des Stammpersonals in Sobibor davon ausnehmen, diese und alle sonstigen bei dem Vernichtungsvorgang anfallenden Funktionen im Laufe der Zeit ausgeführt zu haben. Es mag verwunderlich sein, daß die Juden ahnungslos in den Tod gegangen sind. Widerstand hat sich höchst selten ergeben. Die Juden wurden erst mißtrauisch, als sie bereits in den Gaskammern waren. Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch kein Zurück mehr. Die Kammern waren dicht gefüllt. Es herrschte Sauerstoffmangel. Die Türen wurden luftdicht verschlossen und sofort setzte der Vergasungsvorgang ein. Nach etwa 20-30 Minuten trat in den Gaskammern völlige Stille ein; die Menschen waren vergast und tot.

Die aus Trawniki nach Sobibor kommandierten ukrainischen Hilfswilligen in Stärke von drei Zügen hatten Bewachungsaufgaben zu erfüllen. Sie waren in dunkle (schwarze oder erdbraune) Uniformen gekleidet und trugen Karabiner, teilweise auch Peitschen. Diese im SS-Ausbildungslager Trawniki geschulten Leute wurden zunächst von Polizeidienstgraden kommandiert, die ebenfalls aus diesem Lager, aber aus dort stationierten Polizeieinheiten kamen und die hellgrüne Polizeiuniform mit Polizeiabzeichen trugen, die ihrerseits von den feldgrauen SS-Uniformen der übrigen deutschen Aufseher im Lager zu unterscheiden waren. Mit den Polizisten war die Lagerleitung nicht zufrieden. L. bereitete erhebliche Schwierigkeiten. Mit dessen Weggang gegen Herbstanfang 1942 übernahm daher je ein deutscher Aufseher das Kommando über je einen Ukrainer-Zug.

Die Ukrainer hatten Dienst als Posten an allen inneren und äußeren Öffnungen des Lagers zu versehen. Sie gingen Streifen, die Tag und Nacht an der Lagerumzäunung patrouillierten. Sie stellten die Besatzung der Wachttürme am Lagerzaun wie auch eines älteren, hohen Turms zwischen Lager I und Lager II, der der früheren Forstverwaltung als Waldbrandbeobachtungsstand gedient hatte. Mindestens dieser zuletzt genannte Turm war mit einem Maschinengewehr bestückt. Die Ukrainer hatten auch den Lagerkomplex III zu bewachen und jede Kontaktnahme der Häftlinge dieses Teillagers mit den übrigen Arbeitshäftlingen des Lagers zu verhindern. Sie versahen Bewachungsdienst bei den einzelnen Arbeitskommandos außerhalb und zum Teil auch innerhalb des Lagers zur Unterstützung der deutschen Kommandoführer.
Sie hatten Befehle eines jeden deutschen Aufsehers auszuführen. Bei Transportankünften hatten sie Posten zu stehen an der Rampe wie entlang des gesamten Vernichtungswegs. Hier wurden sie wiederum beaufsichtigt von Angehörigen der deutschen Lagermannschaft, die bei Ankünften von Transporten alle ihre bestimmten, eingeteilten Posten zu beziehen hatten, soweit sie nicht als Kommandoführer einer Arbeitsgruppe eingeteilt
waren, die ohnehin bei der Abwicklung eines Transportes direkte Funktionen hatte. Die Angehörigen der deutschen Lagermannschaft hatten bei den Transportankünften für reibungslosen und schnellen Ablauf zu sorgen, durch Mahnungen, Drohungen oder durch Antreiben mit der Peitsche oder gar durch die Schußwaffe, wobei sie von den Ukrainern unterstützt wurden. Die Ukrainer bildeten ferner die häufig tätig werdenden Erschießungskommandos, soweit Angehörige der deutschen Lagermannschaft »Liquidierungen« nicht selbst durchführten.

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, daß es in Sobibor üblich war, daß die Erschießungen im Lager III durchgeführt wurden. So kann ich mich auf folgenden Vorfall entsinnen:
Der Lagerleiter Stangl rief mich im Lager I an und sagte: »Hier ist eine Jüdin, die ihren Mann sprechen will. Bringe sie mal zu ihrem Mann in das Lager III!« Bei diesen Worten übergab er mir die Jüdin und sagte: »Schaff sie dort hin!« Unmißverständlich deutete er durch die Bewegung seines rechten Zeigefingers und seines rechten Daumens an, daß ich die Jüdin im Lager III erschießen sollte. Diesen Befehl Stangls, den er durch das beschriebene Zeichen gab, konnte die Jüdin nicht wahrnehmen, weil sie schon vorgegangen war. Daraufhin habe ich dann die Jüdin zum Tor des Lagers III, durch welches immer die Gebrechlichen und Kranken zur Exekution hereingeschafft wurden, gebracht. Dort übergab ich sie einem ukrainischen Wachtposten und sagte: »Die will zu ihrem Mann, bring sie herein!« Der Ukrainer ging mit ihr in das Lager III, ich kehrte zurück.
Kurz darauf hörte ich einen Schuß. Dem Stangl meldete ich, daß ich die Jüdin in das Lager III gebracht hätte und daß der Schuß gefallen sei. Daraufhin fragte Stangl: »Warst du es?« Damit meinte er, ob ich sie erschossen hätte. Ich antwortete: »Nein, ich bin nicht mit in das Lager III
gegangen! Ich habe sie dem Ukrainer übergeben, und den Schuß hast du ja wohl gehört!« Er sagte darauf: »Du Feigling!« Den Namen des Ukrainers, der die Erschießung der Frau vorgenommen hatte, weiß ich nicht.

Erklärend hierzu möchte ich noch sagen, daß es sich um eine Jüdin aus Cholm handelte, die ihren Mann in Sobibor besuchen wollte. Sie gehörte keinem Transport an, sondern war allein erschienen. Wahrscheinlich ist ihr Mann kurz vorher mit einem Transport aus Cholm angekommen und vergast worden.


Zeugenaussagen

der SS-Mann Gomerski pflegte die Schädel der Juden, die schon auf dem Transport erkrankt waren, mit einer eisernen Wasserkanne zu zertrümmern.


01.06.1942

Am 01.06.1942 verließ ein Sonderzug mit 509 Juden und Jüdinnen aus Nord- und Osthessen den Bahnhof Kassel. Die zum Transport bestimmten Personen waren ein bis zwei Tage vorher aus dem Regierungsbezirk Kassel mit Zügen nach Kassel gebracht, in den Turnhallen des Schulkomplexes an der Schillerstraße (der heutigen Walter-Hecker-Schule) registriert und durchsucht und am 1. Juni vom Kasseler Hauptbahnhof deportiert worden. In Chemnitz kamen weitere 500 Juden und Jüdinnen aus der dortigen Region dazu, und dann fuhr der Deportationszug zum Vernichtungslager Sobibor das er am 03.06.1942 erreichte


20.12.1942

am 20.12.1942 erreichen 800 jüdische Personen aus dem Arbeitslager Staw-Nowosiolki zu Fuß und mit Pferdefuhrwerke das Vernichtungslager Sobibor. Sie haben Nowosiolki am 19.12.1942 verlassen.


12.02.1943

Himmler besucht das Lager Sobibor.
Zu Himmlers Ehren wurde dabei in Sobibor aus irgendeinem Arbeitslager eine Gruppe junger, ansehnlicher jüdischer Frauen herbeigeschafft
und zu seiner »Schau« vergast.


05.03.1943

Transport
Am 05.03.1943 erreicht ein
Sonderzug mit 1105 Personen das Vernichtungslager Sobibor. Der Transport hat das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork am 02.03.1943 verlassen.


26.03.1943

Am 26.03.1943 erreicht ein Sonderzug mit 1250 jüdischen und unerwünschten Elementen (NS Sprache) das Vernichtungslager Sobibor. Der Transport hat das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork am 23.03.1943 verlassen.


07.05.1943

Am 07.05.1943 erreicht ein Sonderzug mit 1187 jüdischen und unerwünschten Elementen (NS Sprache) das Vernichtungslager Sobibor. Der Transport hat das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork am 04.05.1943 verlassen. Von den 1187 werden 1100 am gleichen Tag ermordet. Bis 1945 starben alle 1187 Personen aus diesem Transport.


21.05.1943

Am 21.05.1943 erreicht ein Sonderzug mit 2511 jüdischen und unerwünschten Elementen das Vernichtungslager Sobibor. Der Transport hat das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork am 18.05.1943 verlassen. Von diesem Transport haben bis zur Auflösung des Lagers alle ihr Leben verloren.


05.07.1943

Feld-Kommandostelle, den 5. Juli 1943

Der Reichsführer SS
RF/Bn 1674/43

Geheime Reichssache!
Anordnung
1. SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt
2. SS-Führungshauptamt
3. Höheren SS- und Polizeiführer Ost
4. Höheren SS- und Polizeiführer Ostland
5. Höheren SS- und Polizeiführer Rußland-Mitte
6. Höheren SS- und Polizeiführer Ukraine
7. SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin
8. Chef der Bandenkampfverbände.

1. Das Durchgangslager Sobibor im Distrikt Lublin ist in ein Konzentrationslager umzuwandeln.
In dem Konzentrationslager ist eine Entlaborierungsanstalt für Beutemunition einzurichten.
2. Alle Höheren SS- und Polizeiführer sind gehalten, sämtliche Beutemunition, soweit sie nicht
zur Munitionierung von in Gebrauch befindlichen Beutegeschützen benötigt wird, nach dort zu liefern.
3. Metalle und vor allem das Sprengpulver sind sorgfältig zu verwenden.
4. Zugleich ist in diesem Konzentrationslager eine Fertigungsstätte für unsere Vielfachwerfer oder auch
andere Munition zu errichten.

gez. H. Himmler
Chef der Sicherheitspolizei und des SD
durchschriftlich mit der Bitte um Kenntnisnahme übersandt.

i.A.
gez. Br (Brandt)
SS-Obersturmbannführer


23.07.1943

Am 23.07.1943 erreicht ein Sonderzug mit 2209 jüdischen und unerwünschten Elementen (NS Sprache) das Vernichtungslager Sobibór. Der Transport hat das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork am 20.07.1943 verlassen. Von diesem Transport haben bis zur Auflösung des Lagers alle ihr Leben verloren.


14.10.1943

Als am 14.Oktober 1943 der Aufstand der Juden im Vernichtungslager Sobibor ausbrach, war die Polizeireiterabteilung III sofort zur Stellen und umstellte die zurückgebliebenen „Arbeitsjuden“, bevor sie liquidiert wurden. „Von den 300 entwichenen Juden konnten im Zusammenwirken mit der Wehrmacht und des Zollgrenzschutzes etwa 100 Juden vernichtet werden“, berichtete die 1.Schwadron später. (Tagesmeldung des KdO/Ia an den BdO v. 15.10.1943, Lagebericht der 1.Schwadron Polizeireiterabt.III für 26.9.–25.10.1943

Ein ehemaliger Angehöriger der Abteilung berichtete dazu nach dem Krieg: „ ... Berichten kann ich dagegen von einem Einsatz in Sobibor. An einem Abend im Herbst 1943 – ein Datum kann ich nicht nennen – erhielten wir einen Einsatzbefehl für einen auswärtigen Einsatz von Cholm aus. ... Bei Anbruch der Nacht trafen wir in Sobibor ein. Wir mussten das Lager umstellen, in Abständen von etwa 10 – 20 m von Mann zu Mann. ... Wir erfuhren auch von dem bereits stattgefundenen Aufstand der Häftlinge und auch davon, dass einige der Häftlinge ausgebrochen waren. Danach bezogen wir unsere Posten. Wir sollten verhindern, dass erneut ein Ausbruch stattfinden konnte. Diese Posten behielten wir bis zum Morgengrauen.
Im Morgengrauen wurden wir ins Lager geführt. Dort wurden durch die noch verbliebenen SS-Lagerbewacher die Juden aufgestellt. Dann begann die Strafaktion. Diese wurden folgendermaßen durchgeführt: Von einer fremdvölkischen Einheiten wurde ein Spalier gebildet. Durch dieses beiderseitige Spalier wurden immer nacheinander zwei der Juden hindurchgejagt. Während des Durchlaufens schlugen die Männer der fremdvölkischen Einheit mit schweren Knüppeln, ähnlich Zaunpfählen, auf die Juden ein, bis diese tot liegen blieben. Dann kamen die nächsten dran. ...“