Aktenzahl des Gerichts (Geschäftszahl): LG Wien 20 Vr 2729/63

Deportationsprozess

Opfer
Juden/Jüdinnen

Tatland (Tatort)
Wien, Ungarn, Deutschland

Strafverfahren gegen
Franz Novak

wegen
seiner Tätigkeit im Referat IV B 4 (RSHA) und im Rahmen des Sondereinsatzkommandos Eichmann in den Jahren 1942-1944 in Berlin, Wien, Budapest, Kistarcsa und anderen Orten Europas

Tatvorwurf/Tatvorwürfe
Mord durch Organisierung des Transportes von Juden/Jüdinnen aus verschiedenen Teilen Europas und deren Übergabe zum Zwecke der Behandlung im Sinne der Endlösung der Juden/Jüdinnenfrage an die Organe von Konzentrationslagern in den vom Deut. Reich besetzten Ostgebieten [v. a. Auschwitz].
Vorsätzliche Veranlassung von Angehörigen des Ordnungspolizei, durch Sicherung und Begleitung der Transporte bis zu den Konzentrationslagern unmittelbar an der Vollziehung der Morde auf eine tätige Weise mitzuwirken.

Verlauf der Vorerhebungen/Voruntersuchung bzw. des Gerichtsverfahrens
26.02.1963: Einstellung der Voruntersuchung gegen Novak gemäß § 109 StPO [Erklärung der Staatsanwaltschaft: kein Grund zur weiteren gerichtlichen Verfolgung]/2 StPO, da kein Beweis erbracht wurde, dass er persönlich einen Juden/Jüdinnen getötet habe. Am 05.04.1963 hebt das OLG Wien nach Beschwerde der Staatsanwaltschaft vom 06.03.1963 (Antrag auf Aufhebung des angefochtenen Beschlusses, da Novak auch als unmittelbar auf tätige Weise Mitwirkender nach § 136 StG hafte) den Beschluss auf.

18.04.1963: Ratskammer (LG Wien) weist StA-Anträge auf Ergänzung der VU ab.
30.06.1964: Anklageerhebung.
13.11.1964: Ratskammer lehnt den Beitritt der IKG Wien als Privatbeteiligte ab (Ansuchen der IKG vom 11.11.1964).

1. Hauptverhandlung: 16.11.-17.12.1964 (21 Tage), Urteil (17.12.1964): 8 Jahre schwerer Kerker
25.01.1965: Berufung der StA; 12.2.1965: Nichtigkeitsbeschwerde von Novak.
15.12.1965: OGH gibt der Nichtigkeitsbeschwerde Folge.

2. Hauptverhandlung: 29.06.1966-06.10.1966 (7 Tage); Urteil (06.10.1966): Freispruch (Anerkennung auf Anspruch auf Entschädigung für die U-Haft)
23.12.1966: Nichtigkeitsbeschwerde der StA.
Am 14.02.1968 gibt der OGH der Nichtigkeitsbeschwerde Folge.
3. Hauptverhandlung: 02.12.1969-18.12.1969 (9 Tage, 6. Tag: Sachverständiger Dr. Wolfgang Scheffler); Urteil (18.12.1969): 9 Jahre schwerer Kerker
18.06.1970: Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung von Novak;
01.07.1970: Berufung der Staatsanwaltschaft Wien.
Am 08.03.1971 gibt der OGH der von der Generalprokuratur gemäß § 33 StPO erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes Folge (ohne Eingehen auf Nichtigkeitsbeschwerde des Angekl. und Berufung der StA).

4. Hauptverhandlung: 20.03.1972-13.04.1972 (15 Tage); Urteil (13.04.1972): 7 Jahre schwerer Kerker
16.05.1972: Nichtigkeitsbeschwerde v. Novak;
25.05.1972: Berufung d. StA.
22.12.1972 (OGH): Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde. Den Berufungen wird keine Folge gegeben.
18.10.1974: Bedingte Begnadigung durch den Bundespräs.;
18.01.1978: Endgültige Strafnachsicht.

informationen zum Akt LG Wien 20 Vr 2729/63
Beiakt 2bc Vr 8360/66: Henry Adler (brit. Staatsbürger) wegen § 10 Staatsschutzgesetz (Verdacht des beabsichtigten Attentats auf Novak). 24.11.1966: Einstellung des Verfahrens gemäß § 109 StPO [Erklärung der Staatsanwaltschaft: kein Grund zur weiteren gerichtlichen Verfolgung].
Wiedereinbezogener Akt 27e Vr 5147/67 (war zunächst mit Beschluss vom 04.08.1964 ausgeschieden worden): Verfahren gegen Franz Novak wegen §§ 134, 5 StG, 135/3, 136 StG (betr. Internierungslager Sárvár, Ungarn)
Einbezogener Akt 27 Vr 8287/66: Verfahren gegen Franz Novak wegen §§ 134, 135/3 StG (betr. Endlösung der Juden/Jüdinnenfrage in Ungarn"), mit Beschluss vom 28.12.1971 einbezogen).

Weiteres, im Akt enthaltenes, umfangreiches Dokumentenmaterial (Auszug):
Von Dr. Langbein am 16.03.1961 beigebrachte Photos (110 St.), zeigend Selektionen im KZ Auschwitz sowie Kopien des unveröffentlichten Teils der Aufzeichnungen von Rudolf Höß vom 12.04.1947.
Abschriften/Kopien aus Verfahren 4a Js 586/56, anhängig beim LG Frankfurt/Main gegen Hermann Krumey u. Otto Hunsche (Zeugenaussagen, u.a. von der Israel. Polizei, Untersuchungsstelle für NS-Gewaltverbrechen; Anklageschrift vom 08.03.1963).
Photokopien aus Wiedergutmachungsakten des LG Stuttgart.
Betr. Adolf Eichmann: Kopie der Anklage gegen Eichmann (Jerusalem, 21.02.1960); von Staatsanwaltschaft übermittelte Dokumente aus Eichmann-Verfahren (vom österr. Prozess-Beobachter beigeschafft; Zeugenaussagen, Erklärungen, Beweismaterial, schriftliche Berichte); Protokolle der 1.-6. Sitzung vor dem Obersten Gericht des Staates Israel im Berufungsverf. gegen Eichmann (22.-29.03.1962) sowie Urteil vom 29.05.1962 (Bestätigung des Todesurteils); Kopien von Dokumentenmaterial der Israel. Polizei, Untersuchungsstelle für NS-Verbrechen, etc.
* Schwurgerichtsanklage (27.02.1962) und HV-Protokoll (18.-27.06.1962) aus Verfahren gegen Otto Hunsche, anhängig beim LG Frankfurt/Main (4 Js 67/62).
Aus Akt 8 Ks 1/71 des LG Düsseldorf beigeschaffte Kopien von Dokumenten (Zeugenvernehmungen, Beweismaterial).
Gutachten von Dr. Wolfgang Scheffler: Zum Problem des sogenannten Befehlsnotstandes
Mikrofilm-Kopien von Beweismaterial, das sich in Form von Originalen u. Kopien im Historischen Archiv des Internat. Suchdienstes des Roten Kreuzes befindet.
Unterlagen der Zentralen Stelle Ludwigsburg betr. SS-Untersturmführer Friedrich Martin; Unterlagen des Berlin Document Center.
Kopien von Originaldokumenten (aus NS-Zeit) des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, Bonn.