Dragon Shlomo

* 19.03.1922 in Zuromin

+ 00.10.2001 in Ramat Gan

Shlomo Dragon wurde am 19.03.1922 in Zuromin einer Stadt 100 km nordwestlich von Warschau geboren.
Seine Eltern hießen Daniel und Malka (geborene Beckermann).

Er beendete seine Schullaufbahn im Alter von 13 Jahren, da er im Geschäft seiner Eltern in Zuromin als Schneider mitarbeiten musste.

Als 1939 die Deutschen Polen überfielen, wurde Shlomo zusammen mit seinem Bruder
Abraham von den Deutschen verhaftet, und mit anderen Polen zur Zwangsarbeit herangezogen. 1941 wurden sie erst ins Ghetto Nowy Dwor und schließlich ins Ghetto von Warschau deportiert. Dort blieb er etwa ein Jahr lang.
Im Ghetto von Warschau war er gemeinsam mit seinem Bruder Abraham im Schmuggeln von Nahrung aktiv. Shlomo gelang es gemeinsam mit seinem Bruder Abraham aus dem Ghetto zu entkommen, und in Plonsk einer Stadt etwa 60 km nordwestlich von Warschau an der Płonka unterzutauchen. Es gelang ihnen sogar, ihre Mutter, ihre kleine Schwester und ihren kleinen Bruder nach Plonsk zu bringen.
Ihr Vater aber war bereits so schwer erkrankt, das er und ihre kleine Schwester das Warschauer Ghetto nicht mehr verlassen konnten. Auf Befehl der deutschen Lagerverwaltung wurde ein Teil der Ghettoinsassen, darunter die Brüder Abraham und Shlomo ins Ghetto Mlawa deportiert.

Am 05. Dezember 1942 werden die beiden Brüder mit einem RSHA-Transport (2500 Personen) aus dem Ghetto Mlawa ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Der Transport erreicht das Lager Auschwitz in der Nacht vom 06. auf den 07. Dezember 1942.

Nach der "Selektion" werden 406 Männer als Häftlinge registriert; die anderen etwa 2 094 Menschen werden der Sonderbehandlung zugeführt.

An der Selektion waren unter anderem beteiligt:
SS-Hauptscharführer
Gerhard Palitzsch
* 17.06.1913 in Großopitz + 07.12.1944 bei Budapest
und
SS-Oberscharführer
Ludwig Plagge
* 13.01.1910 in Landesbergen + 24.01.1948 in Krakau

Die beiden Brüder wurden von SS-Hauptscharführer
Moll Otto für das Sonderkommando ausgewählt, und erhielten die Häftlingsnummer:
Dragon Abraham: 80360
Dragon Shlomo: 80359

Die Nazis schickten absichtlich Juden zur Arbeit bei den Sonderkommandos. Die typisch sadistische Ader der Deutschen fand Vergnügen an einem System, in dem das Opfer die größte Erniedrigung erlitt bevor es in einer Wolke von übelriechendem Rauch aufging.

Seine Tätigkeit im Sonderkommando
zunächst Leichenverbrenner an den Verbrennungsgruben
beim Stubendienst der Baracken des Sonderkommandos
Mitte 1944 Leichenträger bei den Krematorien und
Gaskammern

Nachdem der 20jährige Shlomo begriffen hatte, dass er in einer menschlichen Tötungsmaschinerie gelandet war und welche Aufgabe er darin hatte, wollte er selbst aus dem Leben scheiden. Eine Glasscherbe hatte er sich bereits besorgt, um sich die Pulsadern aufzuschneiden. Vorher sprach er noch mit dem jüdischen Kapo des Sonderkommandos, damit dieser seinem Bruder erklären soll, warum er in dieser Situation nicht weiterleben wollte. Doch der Kapo überredete ihn weiterzuleben, der SS gegenüber keine Schwäche einzugestehen und vor allen Dingen als Zeuge für die Nachwelt bereit zu sein, vom innersten Teil der Hölle von Auschwitz zu berichten, auch sollte er seinen Bruden nicht allein zurück lassen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass er seine Eltern und seine Schwester je wieder sehen würde war sehr gering. Shlomo Dragon ließ von seinem Vorhaben ab, doch konnte er sich kaum vorstellen, dass die Menschen außerhalb der Stacheldrähte des Vernichtungslagers ihm glauben würden, wenn er von den Zuständen der Tötungsmaschinerie berichten würde, denn obwohl er tagtäglich dort arbeitete, konnte er selbst kaum fassen, was er sah und erleben musste.

am 18.01.1945 begann der „Todesmarsch“ für das Sonderkommando
Es ist bitterkalt in diesen Wintertagen. Nachts fällt die Temperatur auf weit über minus zwanzig Grad. Noch über sechzigtausend Menschen sind in Auschwitz in den Nebenlagern Gefangene: Die Kleidung der Häftlinge ist zerschlissen und hängt oft nur noch in Fetzen herunter. Die meisten von ihnen tragen nur Holzschuhe – keine Strümpfe. Shlomo und die noch am Leben gebliebenen 100 Angehörigen des „Sonderkommandos“ gingen auf den Todesmarsch. es gelang Shlomo, gemeinsam mit dem Sonderkommandohäftling Henryk Tauber auf dem Todesmarsch bei Pszczyna zu fliehen. Er meldete sich bei der sowjetischen Untersuchungskommission als Augenzeuge und führte deren Mitglieder im Februar 1945 zum Krematorium Nr. III, wo Angehörige des Sonderkommandos ihre „geheimen Handschriften“ vergraben hatten.

Am 10., 11. und 17. Mai 1945 gab er seine Erlebnisse vor einer polnischen Untersuchungskommission zu Protokoll.
Über seine dortige "Arbeit" berichtet Dragon folgendes:
Man führte uns in einen Wald, wo eine gemauerte Hütte mit Strohdach stand; die Fenster waren gemauert. An der Tür zur Hütte war eine Blechtafel angebracht, auf der «Hochspannung - Lebensgefahr» - stand. 30 bis 40 in von dieser Hütte entfernt befanden sich zwei Holzbaracken. Auf der anderen Seite der Hütte gab es 4 Gruben, welche 30 in lang, 7 m breit und 3 m tief waren. Die Ränder dieser Gruben waren rauchgeschwärzt. Man ließ uns vor dem Haus antreten. Moll traf ein und sagte uns, wir würden hier die alten und verlausten Leute verbrennen; man würde uns zu essen geben, und abends würden wir wieder ins Lager zurückgeführt. Wer nicht gehorche, fügte er hinzu, bekomme die Bastonade und werde den Hunden vorgeworfen. Die SS-Leute, die uns eskortierten, waren von Hunden begleitet. Dann teilte er uns in ein paar Gruppen ein. Ich selbst und elf andere waren, wie wir später erfahren sollten, dazu bestimmt worden, die Leichen aus dieser Hütte hinauszuschleppen.
Man überreichte uns allen Gasmasken und führte uns zur Tür der Hütte.
Nachdem Moll die Tür geöffnet hatte, stellten wir fest, dass die Hütte mit nackten Leichen von Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters vollgestopft war. Moll erteilte uns den Befehl, diese Leichen aus der Hütte in den Hof vor der Tür zu tragen. Wir machten uns an die Arbeit, wobei wir jeweils zu viert eine Leiche schleppten. Dies erboste Moll; er krempelte die Ärmel hoch und schleuderte eine Leiche in den Hof. Als wir ihm trotz dieser Demonstration sagten, wir könnten es ihm nicht gleichtun, gestattete er uns, die Leichen zu zweit zu tragen. Als die Leichen im Hof niedergelegt worden waren, riss ihnen der Dentist mit Hilfe eines SS-Manns die Zähne aus, und der Friseur schnitt ihnen - ebenfalls unter den wachsamen Augen eines SS-Manns - die Haare. Eine andere Gruppe lud die Leichen auf kleine Wagen. Diese kursierten auf Schienen, die zum Rand der Gruben führten. Diese Schienen liefen zwischen zwei Gruben hindurch. Eine weitere Gruppe bereitete die Grube so vor, dass man die Leichen dort verbrennen konnte. Zunächst legte man große Scheite auf den Boden der Grube, dann immer kleinere, kreuzweise übereinander gestapelte Holzstucke und schließlich trockene Äste. Nachdem nun alle Leichen aus der Hütte in die Grube geschafft worden waren, übergoss Moll sie an allen vier Ecken der Grube mit Petrol und steckte sie in Brand, indem er einen brennenden Gummikamm hineinwarf So fingen die Leichen Feuer. Während Moll das Feuer entfachte, befanden wir uns vor der Hütte und konnten beobachten, was er trieb.
Nachdem wir sämtliche Leichen aus der Hütte entfernt hatten, mussten wir diese gründlichst reinigen, den Fußboden mit Wasser waschen, Sägmehl hinstreuen und die Wände weiß anstreichen. Die Hütte war innen durch Querwände in vier Teile untergliedert, von denen der erste 1200, der zweite 700, der dritte 400, der vierte 200 bis 250 nackte Menschen fassen konnte. Im größten Teil gab es zwei kleine Fenster und in den anderen dreien je eines. Diese Fensterchen waren durch Holztürchen verdeckt. Jeder der vier Räume im Inneren der Hütte besaß einen eigenen Eingang. An der Eingangstur hing, wie bereits erwähnt, eine Tafel mit der Aufschrift «Hochspannung - Lebensgefahr». Diese war nur dann sichtbar, wenn die Tür geschlossen war. Stand die Tür offen, so war sie unsichtbar Hingegen konnte man eine andere Aufschrift erkennen, die «Zum Baden» lautete.
Die zum Vergasen in den Raum geführten Menschen sahen auf der Ausgangstur ein Schild mit der Aufschrift «Desinfektion». Selbstverständlich gab es aber hinter dieser Tür keine Desinfektionseinrichtungen. Durch diese Tür wurden die Leichen hinausgetragen. Jeder Raum hatte seine eigene Ausgangstür

Die Vergasungsoperation wurden durch die SS selbst erledigt. Sie lief wie folgt ab: Man brachte die Leute auf Lastwagen zur Hütte. Wir für diese Arbeit Bestimmten halfen den Kranken beim Absteigen und beim Ausziehen in der Baracke. Alle zogen sich in den Baracken aus. Der Raum zwischen Baracken und Gaskammer war von SS-Männern mit Hunden umstellt. Die Menschen traten nackt in die Gaskammer ein. Die SS-Leute, die vor dem Gaskammereingang standen, trieben sie mit Knüppelhieben hinein. Sobald die Gaskammer voll war, schloss die SS die Tür, und Mengele befahl nun seinem Rottenführer Scheinmetz, mit der Vergasung anzufangen. Er sagte: «Scheinmetz, mach da fertig. » Scheinmetz entnahm nun dem Rotkreuzwagen, welcher jedem Konvoi mit zur Vergasung ausgewählten Häftlingen folgte, eine Metallbuchse mit Gas, einen Hammer und ein spezielles Messer Er setzte sich eine Gasmaske auf, öffnete die Buchse mit Hilfe des Hammers und des Messers und schüttete den Inhalt durch das Fensterchen in die Gaskammer hinein. Er schloss das Fensterchen unverzüglich wieder und legte die leere Buchse, den Hammer, das Messer sowie die Gasmaske in den Wagen zurück. Die Deutschen nannten diesen Wagen «Sanker» (gemeint ist zweifellos «Sanka)». Ich habe selbst mehrfach gehört, wie Mengele seinen Rottenführer fragte: «Ist der Sanker da?» Nachdem sie diese Aufgabe erfüllt hatten, fuhren Mengele und sein Rottenführer mit dem Rotkreuzauto zurück. Wir aber wurden in den Block zurückgeführt.
Kurz nach dem Beginn meiner Arbeit bemerkte ich, dass nach einer nächtlichen Vergasung SS-Leute weiterhin Wachposten um den Bunker und die Baracken herum aufzogen. Man sagte, wenn der Bunker nicht bewacht sei, wurden die in den Baracken zusammen mit dem anderen Besitz der Vergasten deponierten Schatullen mit den Goldzahnen gestohlen. Die Leichen der Vergasten blieben die ganze Nacht über in den Bunkern. Das Verbrennungskommando traf am Morgen ein. Die Verbrennung lief gleich ab wie diejenige, der ich am ersten Tag meiner Arbeit im oben erwähnten Bunker 2 beigewohnt hatte. Zur gleichen Zeit wie das unsere traf auch ein anderes Kommando ein, um die von den Vergasten in den Baracken zurückgelassenen Gegenstände zu sichten und in die Effektenkammer zu bringen, in der man den Besitz der Vergasten stapelte. Wir entnahmen den Gruben die Asche der dort Verbrannten meist 48 Stunden nach dem Ende der Verbrennung. In dieser Asche

fand man Goldreste, Schädel, Knie und lange Knochen. Wir warfen die Asche mit Schaufeln auf den Grubenrand. Wagen kamen angefahren, um sie einzusammeln und in die Sola zu schütten. Auch diese Arbeit wurde uns aufgetragen. Natürlich fand sie unter SS-Bewachung statt. Wir mussten den Platz zwischen den Wagen und der Sola mit Planen bedecken, damit keine Spur von den Leichen auf dem Boden zurückblieb. Die SS wies uns an, die Asche so in den Fluss zu werfen, dass sie sich nicht auf dem Grund festsetzen konnte, sondern von der Strömung weggetrieben wurde. Nach erfolgter Entladung warf man alles, was noch auf den Planen lag, in den Fluss. Dann wischten wir den Ort, wo wir die genannten Gegenstände in den Fluss geschüttet hatten, auf sorgfältigste.
Nach dem Offnen der Gaskammer lagen die meisten Leichen auf dem Boden. Wenn die Gaskammer gefüllt wurde, lagen die Vergasten übereinander, wobei sich manche aneinanderlehnten, stehend, mit gebeugtem Oberkörper Sehr oft sah ich Speichel an den Mündern der Vergasten. Das Innere der Gaskammer war nach ihrem öffnen sehr warm, und man roch das Gas; es wirkte erstickend und hinterließ im Mund einen süßlichen, angenehmen Geschmack. Die Gasbuchsen waren mit einer gelben Etikette versehen. Sie entsprechen den später in den Krematorien verwendeten. In den beiden Bunkern vergaste man zuerst Menschen, die mit den Konvois aus Polen gekommen waren, dann solche aus Litauen, aus Frankreich und Juden aus Berlin. Bunker 1 wurde 1943 völlig demontiert.
Nach der Errichtung des Krematorium II in Birkenau riss man auch die in der Nähe des Bunkers 2 gelegenen Baracken ab. Man füllte die Gruben mit Erde und ebnete sie ein. Der Bunker selbst blieb aber bis zum Schluss. Er wurde lange Zeit nicht mehr benutzt, aber für die Vergasung der ungarischen Juden reaktiviert. Man baute dann neue Baracken und hob neue Gruben aus. Bei diesem Bunker waren zu jener Zeit zwei Equipen tätig, eine bei Tag, eine bei Nacht. Einmal fanden wir damals in der Gaskammer ein lebendes Kind vor. Es war ganz in eine Daunendecke eingehüllt, welche seinen Kopf vollständig bedeckte. Als man es aus der Decke zog, standen seine Augen offen, und es schien zu leben. Wir brachten es zu Moll und sagten diesem, dass es noch am Leben war. Moll nahm es uns weg, trug es zum Grubenrand, legte es dort zu Boden, zerbrach ihm mit der Ferse den Hals und schleuderte es dann in die Flammen. Diese Szene sah ich mit meinen eigenen Augen.

Nach einer längeren Unterbrechung, während der er einem «Abbruchkommando» zugeteilt war, kam Dragon wiederum zum Sonderkommando.

Er berichtet:
Bis zum Mai 1944 arbeitete ich im Krematorium V. Man beschäftigte uns mit Gartenarbeit, Holzhacken und Kokstransportieren, denn zu jener Zeit funktionierten die Öfen jenes Krematoriums noch nicht. Sie wurden erst bei der Ankunft des ersten Konvois ungarischer Juden in Betrieb gesetzt. Dieses Krematorium war genau gleich konstruiert wie Krematorium IV. Beide wiesen auf beiden Seiten je vier Öfen auf. Jeder Ofen konnte drei Leichen fassen. Das Lokal, in dem sich die Opfer ausziehen mussten, und die Gaskammern befanden sich auf gleicher Höhe wie der Erdboden. Der Vergasungsvorgang verlief ähnlich wie in den Bunkern 1 und 2. Man führte die Opfer in Lastwagen zum Krematorium. Später, nach der Inbetriebsetzung der Eisenbahnlinie vom Bahnhof Auschwitz nach Birkenau, wurden die Leute gleich nach dem Aussteigen aus den Waggons in größter Eile zu den Krematorien IV und V getrieben. Die angekommenen Gefangenen betraten das Lokal, wo sie sich ausziehen mussten. Gorger trieb sie an, indem er ihnen sagte: «Los, los, beeilt euch, sonst werden das Essen und der Kaffee kalt. » Die Menschen verlangten Wasser. Gorger sagte dann: «Das Wasser ist kalt, es ist verboten, davon zu trinken, beeilt euch, ihr kriegt Tee, sobald ihr aus dem Bad kommt.» Als alle Häftlinge im Entkleidungsraum versammelt waren, stieg Moll auf eine Bank und sprach: «In diesem Lager gehen die Kräftigen zur Arbeit; die Frauen und die Kranken bleiben in den Blöcken. » Er wies auf die Gebäude von Birkenau und fügte hinzu, dass alle baden müssten, denn sonst würde die Lagerbehörde sie nicht zulassen. Als sich alle Häftlinge ausgezogen hatten, führte man sie rasch zur Gaskammer. Anfänglich gab es bloß drei Gaskammern, doch später richtete man eine vierte ein. Die erste fasste 1500 Personen, die zweite 800, die dritte 600 und die vierte 150. Die Menschen gingen aus dem Entkleidungsraum durch einen kleinen Gang in die Gaskammer Dort hingen Schilder mit der Aufschrift: «Zur Desinfektion». Sobald die Kammern voll waren, schloss die SS - sehr oft war es Moll persönlich - die Tür.
Dann befahl Mengele Scheinmetz die Gasbüchse aus dem Rotkreuzwagen zu holen, zu öffnen und den Inhalt durch das Fensterchen in der Seitenwand einzuwerfen. Dabei stieg Scheinmetz mit aufgesetzter Gasmaske auf eine Leiter. Nach einigen Augenblicken verkündete Mengele, die Opfer seien bereits tot, indem er sagte: «Es ist schon fertig. » Dann fuhr er mit Scheinmetz im Rotkreuzauto weg. Moll öffnete die Türen der Gaskammern. Wir holten die Leichen heraus, wobei wir Gasmasken trugen. Wir schleiften sie durch den kleinen Gang zum Entkleidungsraum und von dort weiter zu den Krematoriums Öfen. Bei der Eingangstur des ersten Gangs schnitt der Friseur ihnen die Haare, im zweiten Gang riss ihnen der Dentist die Zähne aus.
Nachdem wir die Leichen zum Ofen geschleift hatten, legten wir jeweils drei davon auf eine eiserne Bahre, die erste Leiche mit dem Kopf nach vorne, die zweite umgekehrt, und die dritte wieder wie die erste. Wir schoben die Bahre auf dort installierten Rollen in die Ofenmündung. Dabei schoben zwei Häftlinge die Bahre von hinten, wahrend ein dritter sie von vorne zog. Wenn die Bahre in die Ofenmündung eingefahren war, neigte sie sich nach unten, und die Leiche fiel auf den Rost. Dann zogen wir die Bahre wieder hinaus und schlossen die Ofenmündung. Dann füllten wir einen anderen Ofen. Die Verbrennung dauerte 15 bis 20 Minuten. Dann kamen neue Leichen in die Ofen. Weil sich die Kapazität der Krematorien als unzureichend erwies, hob man neben dem Krematorium V drei große und zwei kleinere Gruben aus, um dort die Leichen der vergasten Ungarn einzuäschern. Der Verbrennungsvorgang lief gleich ab wie in den Gruben der Bunker 1 und 2. Wiederum entfachte Moll das Feuer. Die Asche wurde den Gruben auf die gleiche Art entnommen wie bei den Bunkern 1 und 2. Nicht vollständig verbrannte Knochen wurden zertrümmert und zerrieben und zum Ufer der Sola geschafft, wo man sie ins Wasser warf Früher hatte man die Asche in eigens zu diesem Zweck ausgehobene Gruben geschüttet. Später, beim Herannahen der russischen Front, befahl Moll, diese Asche auszugraben und in die Sola zu werfen.
Die Gaskammern des Krematorium V waren etwa 2,50 m hoch. Dies stellte ich fest, indem ich meinen Arm hoch streckte und die Decke dennoch nicht erreichen konnte. Der Oberrand der Tür war etwa 70 cm von der Decke entfernt. Ein Mensch von durchschnittlicher Körpergröße konnte mit ausgestrecktem Arm den Sims des Fensterchens erreichen, durch welches der Inhalt der Zyklon büchsen eingeschüttet wurde. Am Ende wurden die ungarischen Juden ebenfalls in den zu diesem Zweck neben dem Krematorium V ausgehobenen Gruben verbrannt. Diese waren 25 m lang, 6 m breit und ungefähr 3 m tief. Man verbrannte dort 5000 Menschen täglich. Ich glaube, die Gesamtzahl der in den beiden Bunkern und den vier Krematorien Vergasten beläuft sich auf über vier Millionen.


Danach wandte sich Shlomo Dragon gen Westen, um nach seiner Familie zu suchen und nach seinem Bruder. Keiner seiner Angehörigen hatte überlebt, erst im Frankfurter Displaced-Persons-Lager Zeilsheim bei Frankfurt am Main fand er seinen Bruder Abraham wieder. Im Lager der Amerikaner für die Überlebenden der Shoah gesundete er, körperlich; seelisch vergrub er seine Erlebnisse tief in sich selbst.

Bis zu seiner Ausreise nach Israel war er mehrere Jahre als Schmuckhändler im Frankfurter Bahnhofsviertel tätig.

Ein Jahr nach der Gründung des Staates Israel hatten sie alle Papiere zusammen und mit ihrem ersparten Geld gingen sie in ihr gelobtes Land. Shlomo und Abraham Dragon blieben Zeit ihres Lebens zusammen, auch als Abraham heiratete blieb Shlomo bei ihnen; Shlomo selbst heiratete nie.


Erst 1993 kehrten er, sein Bruder und einige andere ehemaligen Häftlinge des Sonderkommandos, gemeinsam mit dem Historiker Gideon Greif, nach Auschwitz zurück. Hier gaben sie ihre Erlebnisse noch einmal zu Protokoll, diesmal für das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau zur Dokumentation.

Dragon starb nach langer Krankheit im Oktober 2001 in Ramat Gan.

Shlomo Dragon schildert in seiner Aussage vom Mai 1945 den Verbrennungsvorgang in den Gruben, wie er ihn im Dezember 1942 gesehen hat:
„Wenn dann alle Leichen aus dem Haus“, dem Bunker Nr. 2, „zu den Gruben transportiert waren, übergoß Moll“, der Kommandoführer, „die Leichen an den vier Ecken der Grube mit Petroleum, zündete einen Kautschukkamm an und warf ihn auf die mit Petroleum übergossene Stelle. Das Feuer loderte auf und die Leichen fingen Feuer.

Der Sadist
SS-Hauptscharführer Moll Otto
Er wollte sich ein Vergnügen bereiten, holte jemanden aus den Reihen, steckte ihm eine brennende Zigarette in den Mund und versuchte, die Zigarette mit einem Pistolenschuß auszulöschen - einmal mit der Pistole in der Rechten, einmal in der Linken. Mit der linken Hand verfehlte er das Ziel und erschoß den Mann. Gleich danach holte er noch jemanden aus den Reihen, um sein Spiel fortzusetzen. Die Männer dazu wurden ganz willkürlich ausgewählt. Niemand wagte, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten, denn wir wußten ja auch, daß wir letztendlich nicht am Leben bleiben würden. Der Name Moll alleine ließ alle erzittern. Er hatte noch eine weitere Aufgabe: er mußte alle Alten und Kranken auf Lastwagen hinter das Krematorium IV bringen. Dort brannte in einer Grube ein Feuer. Er ließ die lebenden Menschen hineinwerfen und bei lebendigem Leibe verbrennen.