SS-Sturmmann

* 01.08.1923 in Beschka (Beska)
letzter bekannter Wohnort:
Karlsruhe

Volksdeutscher aus Kroatien

Volksschule

Beruf: Maurer

ab 00.10.1942
Mitglied der Bewaffneten Verbände der SS

vor 1945 Angehöriger der Lagermannschaft im KL
Auschwitz

00.10.1942
Beförderung zum SS-Schützen

16.02.1945
Beförderung zum SS-Sturmmann

Gerichtsverfahren nach 1945
19.03.1948
Urteil des Bezirksgerichts in Krakau Az. VII K 917/47
fünf Jahre Zwangsarbeit

Jakob Wendel stammt aus Beska, einem Dorf in Serbien, nordwestlich von Belgrad. Dort siedelten seit Mitte des 19. Jahrhunderts viele Donauschwaben. "Volksdeutsche" nannte man sie in Hitlerdeutschland. Im September 1942, berichtet er, seien er und die anderen Männer im Dorf zur SS eingezogen worden. Gefragt habe man ihn nicht. Er war 19. Man setzte sie in einen Zug nach Wien, alphabetisch geordnet; die mit den Anfangsbuchstaben SCH bis W in den letzten Waggon. "In Wien wurde der letzte Waggon abgehängt und ging direkt nach Auschwitz", sagt Wendel. Niemand habe ihnen gesagt, wohin es geht. "Wo der Zug uns ausgeladen hat, da sind wir gelandet." Ein Vierteljahr seien sie ausgebildet worden. Er bleibt vage, was den Inhalt der Ausbildung betrifft. Schießen, hinlegen, aufstehen.
Nach der Ausbildung: der Wachdienst. Eine Woche lang Tagdienst auf dem Turm, die zweite Woche Nachtdienst. Jeweils zwölf Stunden, auch sonntags. "Die Gaskammern hat man ja vom Turm aus gesehen", sagt Wendel. "Wir haben natürlich auch gesehen, wie die da reingeführt wurden." Wusste er, was da geschah mit den Menschen? "Na klar wusste man das. Es gingen viele hinein, und keiner kam heraus. 20 Prozent kamen zur Arbeit, die anderen waren alle weg." Hat man auch Schreie gehört? "Ja, da hat man schon Schreie gehört, wenn die keine Luft mehr bekommen haben." Was ist mit den Leichen passiert? "Da waren ja so Loren, und die Juden vom Sonderkommando haben die Loren hin- und hergefahren. Rechts und links von der Gaskammer waren ja die Krematorien, da hat's Tag und Nacht geraucht."
Als SS-Wachmann sei er außerhalb des Lagers untergebracht gewesen, etwa 500 Meter vom Haupttor entfernt. Auch ankommende Züge mit Deportierten habe er anfangs bewachen müssen. "Die kamen vor dem eigentlichen Lager an. Es gab damals noch kein Gleis bis hinter den Zaun." An Selektionen sei er jedoch nicht beteiligt gewesen. Nur ein einziges Mal habe er mit zwei zu bewachenden Häftlingen den Innenbereich des Vernichtungslagers betreten. "Sie mussten Werkzeug aus einer Gaskammer holen. Die sah wie ein großer Duschraum aus", schildert er nüchtern.

Er habe gesehen, wie ein Fahrzeug mit zwei Insassen bis vor die Gaskammer fuhr, die hätten dann den Inhalt einer Dose in die Rohre geschüttet, die aus der Gaskammer ragten. "Da hat man gewusst, das ist das Todeskommando." Ja, bestätigt Jakob Wendel, das hat er gesehen. Ob ihm klar gewesen sei, dass das ein Verbrechen war? "Natürlich war das klar", sagt Jakob Wendel. "Das konnte doch nicht richtig sein. Ich war doch evangelischer Christ, ich war im Kirchenchor." Ob er sich geschämt habe? "Na klar. Das hätten wir doch nie gedacht, dass in Deutschland so was möglich ist." Einmal, sagt er, habe er seinen Eltern geschrieben, "dass ich trotzdem an Jesus glaube". Das sollte die Eltern trösten, nachdem sein Bruder im Partisanenkrieg gefallen war.

Die Briefe seien alle kontrolliert worden, denn es war ja streng verboten, etwas von dem zu erzählen, was in Auschwitz geschah. Da sei er dann zu seinem Vorgesetzten bestellt worden. "Der sagte zu mir: ,Ein SS-Mann, der an Jesus glaubt, ist mir noch nie begegnet'." Er habe aber, sagt der Zeuge, dadurch keine Nachteile gehabt. "Ich habe meinen Dienst gemacht und war pünktlich."

nach 1945

Kurz nach Kriegsende stand Jakob Wendel in einer Reihe mit rund 100 anderen SS-Männern im KZ Dachau. „Die Juden gingen an uns vorbei. Sie hätten uns ins Gesicht spucken können. Aber sie haben nur gesagt: ,Ihr armen Schweine – wo sind die Offiziere?’"
Als Wendel nach der Gefangenschaft heimkehrt, schließt er sein Ingenieurstudium ab und arbeitet 30 Jahre lang für den Staat - mit seiner Auschwitz-Zeit hatte er abgeschlossen: "Ich habe es nicht verheimlicht. Aber die meisten wollten das gar nicht wissen, das hat keinen gestört."

Der dreifache Vater lebt heute mit seiner Frau in einer großen Wohnung in der wohlhabenden Wohnanlage in der Nähe von Stuttgart in Süddeutschland.

2014

1948 war er von einem polnischen Gericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. 2014 wurden deshalb die Ermittlungen gegen ihn in Deutschland eingestellt. Als seine Altersbezüge 2011 vom Staat wegen seiner Nazivergangenheit um 59 Euro monatlich gekürzt wurden, beschwerte er sich bei der Kanzlerin und dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff.

Bei seiner Vernehmung 2014 hatte Wendel gegenüber Oberstaatsanwalt Andreas Brendel geschildert, wie er vom Wachturm aus hatte beobachten können, dass ein Volkswagen mit Anhänger zu den Gaskammern gefahren sei; wie zwei Leute ausgestiegen seien; wie die etwas in die Gaskammern hineingeworfen hätten. "Immer" sei das so gewesen. Dass es sich um das Ungeziefer-Vernichtungsmittel Zyklon B gehandelt habe, sei ihm damals nicht bekannt gewesen. Heute sagt er: "Wenn so viele kommen und die Krematorien rauchen, dann hat man annehmen müssen, dass die vergast wurden."

11.03.2016

Aussage Wendel
"Ich war Wachmann", sagt Wendel. "Wir hatten eine Woche Tagdienst in der Umgebung des Lagers. Dann folgte eine Woche auf den Türmen um das Lager herum. In der dritten Woche begleiteten wir die Kommandos, die außerhalb der großen Postenkette arbeiteten." Sieben Tage pro Woche, jeweils 12 Stunden lang. Aber es habe auch Urlaub gegeben, vor allem für die verheirateten Kollegen. "Nach eineinhalb Jahren durfte ich erstmals nach Hause zu meinen Eltern."

Da Wendel vorwiegend außerhalb des Lagers Wache schob, bekam er von den Selektionen an der Rampe offenbar nicht viel mit. Anfangs, als die Züge mit den Deportierten noch nicht bis in den Innenbereich des Lager fahren konnten, "standen wir da, um zu verhindern, dass jemand abhaut. In dem Fall sollten wir natürlich schießen. Aber die Leute waren ja so verängstigt", sagt er.

"Wenn man zwei Jahre dort ist, kriegt man mit, was da läuft"
Wir sahen die Züge. Und wie die Leute reingeführt wurden", antwortet Wendel. Die Menschen hätten ja gedacht, es gehe zum Duschen. "Und dann haben sie gemerkt, dass sie keine Luft mehr bekamen."

"Haben Sie gesehen, was mit den Toten geschah?" "Da waren so Loren, die hin- und hergefahren wurden." Von den Gaskammern zu den Krematorien. "Die haben Tag und Nacht geraucht. Man sah das Feuer. Die Kamine waren ja nicht besonders hoch." Mehrfach spricht Wendel von diesem Bild. Von unablässigem Rauch, von den Flammen. Nur an den Geruch, der über dem Lager gelegen haben muss, erinnert er sich nicht mehr.

Dann schildert er, wie Kranke selbst dann noch zur Arbeit kamen, wenn sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. "Die wollten nicht in der Baracke bleiben, weil sie wussten, dass sie sich dann neben das Tor stellen mussten und der Blockführer mit ihnen zum Krematorium ging." Es hätte den sicheren Tod bedeutet.

11.03.2016
westfalen-blatt
Wir wussten alle, was hier passiert
https://www.westfalen-blatt.de/owl/themenarchiv/detmolder-auschwitz-prozess/chronik-des-prozesses/wir-wussten-alle-was-hier-passiert-1682020