SS-Unterscharführer

* 18.01.1905 in Dierschau
† 15.05.1967 in
Nagold

letzter bekannter Wohnort:
Duisburg

Vater: Eisenbahn-Zugführer

drei ältere Geschwister (zwei Brüder und eine Schwester)

1911 - 1919
Volksschule in Dirschau

Nach seiner Schulentlassung lernte er drei Jahre als Kellner und legte einige Zeit später die Prüfung als Serviermeister ab. Nachdem er zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatte, ging er zur Schiffahrt. Etwa 1937 oder 1938 kehrte er jedoch wieder zu seinem alten Beruf zurück. Während dieser Jahre lebte er als polnischer Staatsangehöriger deutscher Abstammung in Polen und Danzig.

00.02.1933 bzw 1934
1. Ehe
(Seine erste Ehefrau ist Ende 1942 oder Anfang 1943 gestorben)

1939
zur polnischen Kriegsmarine eingezogen

00.09.1939
Er geriet im September 1939 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er aufgrund seiner deutschen Abstammung schon nach drei Tagen wieder entlassen wurde.
(Nach seiner Entlassung kehrte er nach Dirschau zurück. Wenige Tage später wurde er zu einer Heimwehr, die sich aus Volksdeutschen rekrutierte, eingezogen.)

20.11.1939
zur Waffen-SS eingezogen
(Da er bei der polnischen Marine gedient hatte. wurde er als SS-Sturmmann übernommen)

Als Kradmelder in Holland verwundet.
(Nach seiner Genesung wurde er als Sanitäter ausgebildet und kam zu einem Sanitätsersatzbataillon nach Oranienburg. Von hier aus wurde er zum SS-Sanitätshauptamt abgestellt.)

17.07.1942
Versetzung von 4. Sanitätskompanie in Oranienburg nach
Auschwitz

Auschwitz, 20. April 1943
Kommandanturbefehl Nr. 8/43
dem SS-Unterscharführer Nierzwicki Hans wurde das Kriegsverdienstkreuz II Klasse mit Schw. verliehen.

ab 01.07.1943
SDG im NL Libiaz Maly (
Janinagrube)

Auschwitz, 18. September 1943
Belobigung
Ich spreche dem SS-Unterscharführer Hans Nierzwicki, SS-Standortarzt,
meine besondere Anerkennung aus. N. fand in einem zugelöteten hohlen Eisenstock
den Betrag von RM 750,-, den er pflichtgemäß sofort bei der Kommandantur ablieferte.
gez. Höß
SS-Obersturmbannführer und Kommandant

Anfang 1944
wegen Betrunkenheit zum NL
Lagischa versetzt

1945 - Herbst 1946
in amerikanische Gefangenschaft

1946
in zweiter Ehe seit 1946 mit der Lehrerin Hildegard, geb. Pehlke, verheiratet

1946
zuletzt in Duisburg als Kassenbote tätig

18.03.1960
Verfügung betr. Antrag auf den Erlass von Haftbefehl

12.04.1960
Haftbefehl betr. Nierzwicki Hans

08.09.1960
Aufnahmeersuchen betr. die Beschuldigten Luise Brunner und Hans Nierzwicki in Frankfurt a.M.
Preungesheim bzw. Frankfurt a.M. Hammelsgasse mit Zusatz betr. die Separierung des Nierzwicki wg. Lungen Tbc

16.09.1960
Festnahme des Beschuldigten Hans Nierzwicki

19.9.1960
Vernehmung des Beschuldigten Hans Nierzwicki durch Staatsanwalt Vogel

20.09.1960
Vernehmung des Beschuldigten Hans Nierzwicki durch Amtsgerichtsrat Opper

31.10.1960
Beschluss über die Fortdauer der Untersuchungshaft betr. den Beschuldigten Hans
Nierzwicki

21.07.1962
Genehmigung der Verlegung des Nierzwicki aus der U Haftanstalt Kassel Wehlheiden in die Lungenheilstätte Staumühle b. Paderborn

25.07.1962
Beschluss über die Haftfortdauer betr. die Beschuldigten Baer, Capesius, Klehr und
Nierzwicki

Verlegung Hans Nierzwicki in das Tbc Krankenhaus der Strafanstalt Hohenasperg

15.05.1963
Gerichtspsychiatrisches Gutachten zu Hans Nierzwicki, erstellt von Dr. Mauch, Hohenasperg

10.06.1963
Beschluss über die Haftverschonung des Hans Nierzwicki wegen offener
Lungentuberkulose

01.10.1963
Frankfurter Auschwitz-Prozess
Bereits am 1. Oktober 1963 hatten die Rechtsanwälte Hermann Stolting II und Rainer Eggert namens der Angeschuldigten Höcker und Nierzwicki Landgerichtsrat Richard Koch, Berichterstatterder 3. Strafkammer b. LG Frankfurt am Main, aus Besorgnis der Befangenheit abgelehnt. Laut Antrag der Verteidigung gehöre Koch »selbst zu dem Kreis der rassisch Verfolgten«, weshalb die Annahme naheliege, Koch habe »Verwandte, sonstige Angehörige oder Freunde und Bekannte in den
Massenvernichtungslagern des sogenannten Dritten Reiches verloren«. Koch hielt sich nicht für befangen, die 3. Strafkammer b. LG Frankfurt am Main erachtete die Ablehnung Kochs für unbegründet.

21.10.1963
Beschluss über die Verwerfung der Beschwerde der Beschuldigten Höcker und
Nierzwicki wegen Befangenheit des Richters Landgerichtsrat Dr. Koch,

14.11.1963
Lungenfachärztliches Gutachten zu Hans Nierzwicki, erstellt von Dr. Tamas, Düsseldorf

11.12.1963
Beschluss über die Abtrennung und vorläufige Einstellung des Verfahrens gegen Hans
Nierzwicki wegen Haft und Verhandlungsunfähigkeit

20.12.1963
beim Beginn der Hauptverhandlung am 20. Dezember 1963 vor dem Landgericht Frankfurt am Main befand er sich mit Lungentuberkulose in einem Düsseldorfer Krankenhaus.

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main
100. Verhandlungstag, 15.10.1964
Vernehmung des Zeugen Max Kasner
http://www.auschwitz-prozess.de/index.php?show=Kasner-Max

27.07.1965
Aussage Hans Nierzwicki vor dem Amtsgericht Bad Dürkheim

Aussage Wörl Ludwig * 28.02.1906 in München
Auschwitz Häftlingsnummer 60363 (ehemals Lagerältester im Häftlingskrankenbau des Stammlagers)
Nierzwicki war Sanitätsdienstgrad im Frauenlager und hat, wie ich selbst gesehen habe, Hunderte, wenn nicht Tausende von weiblichen Häftlingen mit Spritzen getötet.

Aussage Paczuła Tadeusz Dr. med. * 26.11.1920 in Gliwice
Auschwitz Häftlingsnummer 7725 (ehemals Rapportschreiber im Häftlingskrankenbau des Stammlagers)
Nierzwicki war in den Jahren 1943 und 1944 im HKB als SDG tätig. Auch er hatte etwa die gleichen Funktionen wie Klehr. Im Jahre 1944 dürfte Nierzwicki täglich bis zu 30/40 Abspritzungen vorgenommen haben. In diesem Zusammenhange möchte ich noch einen Fall schildern, bei dem Nierzwicki einen Häftling in den Block 21 holte, der im Lager einem anderen Häftling eine Uhr gestohlen hatte. Der bestohlene Häftling hatte sich vorher bei Nierzwicki beklagt und ihm erzählt, daß seine Uhr gestohlen sei. Im Block 21 hat nun Nierzwicki den Täter so lange körperlich mißhandelt, bis dieser ohnmächtig wurde. Daraufhin ließ Nierzwicki den bewußtlosen Häftling in den Operationssaal des Blocks 21 bringen und spritzte ihn dort mit Phenol ab. Anschließend brachte er persönlich die Totenmeldung zu mir, wobei er bemerkte, daß auch im Lager eine Gerechtigkeit herrschen würde und mit allen Dieben so verfahren würde.

Aussage Wald Orli (Aurelia)
(ehemals Häftlingspflegerin im Stammlager und in Birkenau)
Ich habe des öfteren Häftlinge zu ihm in die Ambulanz bringen müssen. Später wurden die Leichen der abgespritzten Häftlinge von uns weggetragen. Wenn Nierzwicki die Absicht hatte, abzuspritzen, mußten wir ihm eine große Flasche Phenol (circa fünf bis sechs Liter) und eine zehn Kubikzentimeter-Spritze mit einer langen Nadel auf den Tisch legen bzw. stellen. Wir nannten dies das sogenannte Todesservice. Ein Fall ist mir noch besonders in Erinnerung. Es handelte sich um ein blindes etwa fünf Jahre altes polnisches Mädchen, das ich etwa drei Monate betreute. Auch dieses Mädchen mußte ich auf Befehl von Nierzwicki zu ihm bringen, und es wurde von ihm abgespritzt. Später mußte ich dieses Mädchen als Leiche selbst abholen.

Aussage Molotokas Friederika
Auschwitz Häftlingsnummer 959
Im Sommer 1943 war ich im HKB als Revierläuferin beschäftigt. Während dieser Zeit konnte ich durch eine Ritze der Schreibstubenwand beobachten, daß Nierzwicki mehrere neugeborene Kinder durch Spritzen in die Herzgegend getötet hat. Ich habe dies an mehreren Tagen gesehen, und es wurden von ihm mindestens fünf Kinder getötet. Es handelte sich meistens um Kinder von Polinnen, die bereits schwanger in das Lager kamen. Von anderen Häftlingen habe ich gehört, daß Nierzwicki ebenfalls im Sommer 1943 auf diese Art etwa 50 Polinnen abgespritzt haben soll.

Aussage Glowa Stanislaw
Auschwitz Häftlingsnummer 20017
* 15.9.1898 in Igolomia/Kielce. Studienrat, höherer Verwaltungsbeamter der Stadtverwaltung Krakau. Verhaftung Gestapo am 19.07.1940, interniert im Gestapogefängnis Montelupich. Von Montelupich kam ich mit einem Transport von ca. 40 polnischen Männern [am 12.8.1941] an. Es waren alles politische Gefangene, und wir waren während der Fahrt nach Auschwitz aneinandergekettet.
Auch Nierzwicki hat abgespritzt, jedoch habe ich ihn nie direkt bei der Ausführung gesehen. Ich wußte halt nur, daß er im Behandlungszimmer war und die Häftlinge auf die bereits geschilderte Art hineingeführt und dann als Leiche bzw. ohnmächtig in den Waschraum getragen wurden. Aufgrund dieser Tatsache kann angenommen werden, daß er diese Häftlinge getötet hat. Es ist allerdings auch möglich, daß Häftlinge von anderen Häftlingen, die als Pfleger eingesetzt waren, abgespritzt wurden.

Aussage Fejkiel Wladyslaw Professor Dr. med.
Auschwitz Häftlingsnummer 5647 (ehemals Häftlingschefarzt im Stammlager)
* 01.01.1911 in Krościenko
Etwa im Jahre 1943, den genauen Zeitpunkt kann ich heute nicht mehr sagen, hatte ein reichsdeutscher Häftling einem anderen Häftling eine Uhr gestohlen. Dieser polnische Häftling hat den Diebstahl dann an Nierzwicki weitergemeldet. Nierzwicki hat den reichsdeutschen Häftling im Block 21 geschlagen und danach im Operationssaal auf Block 21 abgespritzt. Ich selbst war nicht Zeuge dieses Vorfalles. Aber über diese Sache wurde im Krankenhaus sehr viel gesprochen, und wir waren über diese Geschichte sehr erregt, weil wir immer sagten, daß ein anständiger Häftling eine solche Meldung an einen SS-Mann nicht macht.

Aussage Kasner Max
Auschwitz Häftlingsnummer 68385 (ehemals Pfleger im Stammlager u. ab Juli 1943 in dem Neben
lager Janina)
* 19.08.1914 in Teplitz-Schönau
Nierzwicki übernahm am 01.07.1943 die Funktion SDG im Nebenlager Janina. Der Hauptgefängnisarzt dieses Lagers wurde Dr. Erich Orlik aus Prag, der heute in Kanada lebt. Nierzwicki hat mich als Pfleger ausgesucht. Dieses Lager war in der Nähe der Kohlengrube Janina. Die Häftlinge wurden zur schwersten Arbeit in der Grube eingeteilt, und zwar bis 400 Meter unter der Erde. Diese schwere Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen kannten sie nicht, und deshalb gab es gleich zu Beginn eine große Menge schwerer Unfälle. Ich erinnere mich zum Beispiel im Herbst 1943: Bei der Nachtschicht erlitt ein mir heute nicht mehr bekannter Häftling einen schweren Unfall. Die Transportkette zerriß ihm den rechten Fuß. Es gelang uns, ihm nach einstündiger Operation das Leben zu retten. Etwa fünf Tage nach dieser Nacht kam Nierzwicki und sagte: Bereiten Sie mir den Patienten für 21.30 Uhr im Vorzimmer des Reviers vor! Auf unsere Frage, was mit ihm geschehen werde, antwortete er kurz: Ich werde ihn umbringen, da er für das Reich ohnehin keinen Wert mehr hat! Tatsächlich kam Nierzwicki nach 21.00 Uhr abends und zog aus seiner Aktentasche die mir bereits bekannte 20 Kubikzentimeter-Spritze. Dem Kranken sagten wir, daß wir ihm im Vorzimmer einen neuen Verband bereiten werden, um die anderen nicht zu beunruhigen. Auf der Bahre trugen wir den Kranken hinaus. Wir baten Nierzwicki um die Bewilligung einer Narkose, damit sein Aufschrei nicht die anderen Patienten aufwecke und damit auf dem Revier keine Panik entstehe. Nierzwicki bemerkte dazu, es sei schade um jeden Tropfen Chloraethyl, zum Schluß aber stimmte er bei, und ich führte sie aus. Nierzwicki stach mit der starken und langen Injektionsnadel den ganzen Inhalt, das sind 20 Kubikzentimeter Phenol, ins Herz des Kranken. Der Tod trat in wenigen Sekunden ein. Dr. Orlik konstatierte den Exitus. Orlik und ich mußten dabeistehen. Injektionen dieser Art führte er später in mehreren Fällen durch. Anfang des Jahres 1944 wurde Nierzwicki wegen Betrunkenheit in ein anderes Lager eingeteilt, uns unbekannt wohin


Aussage des ehemaligen SS-Rottenführers
Hölblinger Karl
Einmal mußte ich auch über Befehl der Fahrbereitschaft mit einem Sanka vom Stammlager circa zehn Muselmänner nach Birkenau zu einem mir unbekannten Gebäude bringen. Dort wurden die circa zehn Muselmänner von einem mir unbekannten Arzt unter Assistenz des SDG Nierzwicki abgespritzt. Ich kann mich heute nicht mehr genau erinnern, es könnte aber sein, daß der Arzt, der dies gemacht hat, der Standortarzt Dr. Wirths war. Nachher mußte ich die Leichen mit dem Sanka ins Krematorium fahren