Außenlager Bisingen

Bezeichnung: Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof (Unternehmen Wüste)

Gebiet
Baden-Württemberg, Regierungsbezirk Tübingen, Landkreis Zollernalbkreis

Im Schatten der Burg Hohenzollern, zwischen Tübingen und Rottweil, liegt das beschauliche Bisingen.
Der Verlust der Ölfelder im Kaukasus und in Rumänien beschränkte die deutsche Kriegsführung wie die Rüstungswirtschaft seit 1943 gravierend. Zur Sicherung des Treibstoffnachschubs maßen die Nazis der Ölgewinnung aus dem Posidonienschiefer der Schwäbischen Alb deshalb höchsten Stellenwert zu. Das einzige Ölschieferprogramm auf deutschem Boden erhielt als Geheimprojekt Unternehmen Wüste höchste Priorität. Tausende von KZ-Häftlingen starben bei diesem katastrophalen Unterfangen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs am Fuß der Schwäbischen Alb nicht nur in Bisingen, wo 1158 Menschen elend zugrunde gingen, sondern auch in anderen Lagern der Region, von denen Bisingen allerdings als schlimmste Hölle galt.

Gebiet heute

Eröffnung
24.08.1944

Deportationen
Im November 1944: 50 Arbeitsunfähige nach Vaihingen, weitere in das KZ Dachau transportiert

Schließung
Am 14.04.1945 wurden 769 Häftlinge per Zug in das Außenlager Allach des KZ Dachau evakuiert und sind dort
am 17.04.1945 angekommen; Weitere Häftlinge wurden über die Außenlager Dautmergen und Schörzingen auf einen Todesmarsch geschickt.

Unterstellung

Häftlinge
Insgesamt über 4.000 Häftlinge, darunter ca. 1.550 Juden. Das Außenlager war mit durchschnittlich mit 1.500 Gefangenen belegt.

Geschlecht
Männer

Einsatz der Häftlinge bei
SS-WVHA, Amtsgruppe W; OT-Oberbauleitung Balingen (Ölschieferwerk); D.B.H.G. (Deutsche Bergwerks- und
Hüttenbau-Gesellschaft)

Art der Arbeit
Arbeiten im Schieferbruch; Aufbau des Lagers, Verlegen einer Wasserleitung

Lagerausstattung

Ausstattung der Insassen

Lageralltag

Bemerkungen
Der erste Transport von Häftlingen kam am 24.08.1944 in Bisingen an. Es handelte sich um 1.000 Überlebende des Warschauer Aufstands, die über das KZ Auschwitz verschleppt worden waren. Sie wurden in Zelten zwischen der Schelmengasse und der Freesienstraße untergebracht und mußten zunächst das Lager errichten. Später arbeiteten die Gefangenen auf in den Ölschieferwerken 1 (Dußlingen), 2 (Bisingen) und 3 (Engstlatt). Die Arbeits- und Lebensbedingungen in Bisingen entsprachen dem Prinzip Vernichtung durch Arbeit. Viele Häftlinge waren in kürzester Zeit gestorben oder so entkräftet, daß sie arbeitsunfähig in das Sterbelager Vaihingen oder das KZ Dachau überstellt wurden. Bis Oktober wurden 29 Häftlinge im Reutlinger Krematorium eingeäschert. Danach verbrannte die SS die Toten entweder direkt an der Arbeitsstätte oder begrub sie in Massengräbern. Nach dem Krieg wurden in verschiedenen Massengräbern 1.158 Leichen exhumiert.

Zustände im Lager

In den Baracken gab es gemeinsame Schlafstätten, an den Wänden waren Brettergestelle errichtet, auf diesen lagen 3 Bretter übereinander. Auf jedem Brett mussten 3 Häftlinge schlafen, obzwar der Platz nur für einen ausreichte. Anfangs erhielten die Häftlinge nicht eine einzige Decke, später bekamen drei Mann eine Decke zugeteilt. Um diese Decke entstand oft in der Nacht ein bedauerlicher Kampf und zerstörte manchmal die Kameradschaft. Durch den Kampf um diese einzige lebenswichtige Decke kam man kaum zum Schlafen. Nach dem Kampf blieben nur Fetzen zurück, die sich der Sieger um die Füße wickelte, während der Unterlegene frierend fluchte.

Ich kann mich noch entsinnen, dass ich mir manchmal die Blase erkältet hatte. Mehrere Nächte lang musste ich nachts mehrmals hinausgehen. Es war eine unmögliche Qual, weil die Latrinen als Toiletten kann man das nicht bezeichnen nicht in der Wohnbaracke, sondern außerhalb lagen. Es waren ungefähr 50 bis 60 Meter zu gehen. Es war Ende Februar, Anfang März 1945, es gab keine Gehwege, man ist in Kot und Regen herumgelaufen und war doch nur dürftig angezogen. Und wenn man die Blase erkältet hatte und schnell auf die Toilette musste, so war das eine unmenschliche Qual. Und wenn man aus der Latrine wieder raus kam, musste man wieder in den Dreck und Kot reintreten, weil keine Wege vorhanden waren.

Entlausungsblock

Der Entlausungsblock ein Gebäude, das übrigens heute noch steht und als Wohnraum genutzt wird, dessen ursprünglichen Zweck aber niemand mehr kennt
Die Kleider, die aus diesem Hause heraus kamen, waren immer noch voll von Läusen, und diese Läuse waren die Überträger des Fleckfiebers. Die meisten Häftlinge, die in dieser Anstalt arbeiten mussten, erlagen dem Fleckfieber oder anderen Krankheiten.

Todesblock

Kranke und Arbeitsunfähige wurden in die Vernichtungsbaracke verlegt. Diese Baracke wurde wider besseres Wissen Schonungsbaracke genannt. Sie war die Brutstätte der schlimmsten Krankheiten. Diesen Krankheiten wurde jeder Arbeitsunfähige bewußt durch die SS-Leitung und ihre Helfershelfer ausgesetzt. Denn alle diese Häftlinge hatten nach der Nazi-Meinung keine Daseinsberechtigung mehr und mußten deshalb vernichtet werden.

Arbeit im Schiefersteinbruch

Über die Arbeit im Schiefersteinbruch, bei der die Häftlinge unter schlimmsten Bedingungen für eine Tone Öl 35 Tonnen Schiefer mit den bloßen Händen aus dem Steinbruch brechen mussten
Wir haben unter freiem Himmel gestanden und gegraben. Wir waren jeweils 8 bis 10 Leute und haben Gruben ausgehoben, und wenn nichts mehr da war, dann ging man an einen anderen Platz. Wir hatten ständig Hunger.
Wer sich krank melden wollte, wurde von dem Blockführer so geschlagen und misshandelt, dass niemand mehr sich traute, sich beim Appell krank zu melden.

Behandlung der Häftlinge durch die SS

Die grausamen, unmenschlichen und todbringenden Zustände des Lagers fanden hier ihren Gipfel. Obwohl es den SS-Unterführern offiziell verboten war, Häftlinge zu prügeln, wurden sie permanent misshandelt. Die folgenden Beschreibungen können nur ansatzweise dazu dienen, die täglichen Grausamkeiten, denen die Gefangenen ausgesetzt waren zu veranschaulichen. „In diesem Lager habe ich mehrfach gesehen, dass er mit Stöcken auf Häftlinge einschlug, die nicht mehr gehen konnten. Viele Häftlinge sind an den Folgen dieser Schläge gestorben.“ „... er wollte mich zwingen, meinen eigenen Kot zu essen. Als ich mich weigerte, schlug er mich.“
„Wer bei der schweren Arbeit vor Hunger und Kälte zusammenbrach, wurde von den SSWachleuten oder auch manchem Kapo brutal geschlagen.“
Von einem Häftling, der bei der Flucht erwischt wurde, heißt es: „Dieser Häftling musste bei starker Kälte die ganze Nacht im Freien stehen und war am darauffolgenden Morgen tot.“
Über die Erhängung eines russischen Gefangenen: „Diesem wurde noch der Kopf eines geschlachteten Pferdes aufgesetzt ... Als er dann zum Galgen geführt wurde, waren wir alle angetreten, und ich habe gesehen, wie Hofmann ihn mit Fußtritten angetrieben hat.“

Isak Wasserstein, dem Bisingen als das schlimmste aller Lager in Erinnerung geblieben ist, schreibt:
„ Die wirkliche Brutalität, die Rohheit und Niedertracht, die dort herrschten – das kann man nicht zu Papier bringen. Nur wer in der Hölle war, kann es erfassen. Unvorstellbar und für jeden unbegreiflich, dass Menschen, die sich Menschen nennen wollen, so grausame Dinge vollbringen können, egal ob es auf Befehl oder freiwillig geschehen ist. Ich sah, mit welcher Wonne die Bestien über ihre Opfer hergefallen sind, wie sie mit ihnen, den „Untermenschen“, umgingen. Ein Hund war wertvoller als ein Mensch.“

Aussage eines Überlebenden
Ich bin einmal geschlagen worden von einem SS-Mann mit einem Hund. Der wollte mich auf einer Baustelle zwingen, meinen eigenen Kot zu essen. Als ich mich weigerte, schlug er mich.

Wer bei der schweren Arbeit vor Schwäche und Hunger zusammenbrach, wurde von SS-Wachleuten oder auch manchem Kapo brutal geschlagen. Flüchtlinge fing man in organisierten Menschenjagden wieder ein. Sie wurden entweder schon auf dem Wege ins Lager erschossen oder später vor den versammelten Häftlingen gehängt.

Ein Fall, wo ein Häftling im Lager Bisingen mit einem umgehängten Schild am Eingang stehen musste. Soweit ich mich erinnern kann, lautete die Aufschrift auf dem Schild sinngemäß Ich wollte fliehen, ich werde es nie wieder tun. Dieser Häftling musste bei starker Kälte die ganze Nacht im Freien stehen und war am darauffolgenden Morgen tot.

Ernährung und Bekleidung der Häftlinge

In einer der acht Baracken befand sich die Küche für Häftlinge und SS-Männer. Die Häftlinge erhielten ihr Fressen - Essen konnte man es nicht nennen in Großkesseln gekocht, während es die SS-Mannschaft auf einem tadellosen Großherd von Berufsköchen zubereitet bekam. Alles Lebenswichtige, was den Häftlingen zustand, wurde in diese Küche geliefert, wanderte aber in die Töpfe der SS-Mannschaft. Jeder Häftling erhielt jeden Morgen einen halben Liter dunkles warmes Wasser, genannt Kaffee, hierzu eine Scheibe Brot, zuweilen auch gar nichts, oder einen kleinen Löffel voll Marmelade. Mittags um 12 Uhr erhielt jeder das Gleiche, und in den letzten Wochen vor dem Ende eine dünne Suppe. Abends um sieben Uhr begann die Großfütterung. In Reihen wurde vor den großen Futterkesseln angetreten. Jeder erhielt vom Blockältesten, der hierzu bestimmt war, einen Liter dünne Kohlrübensuppe ohne Fett und Fleisch. Um diesen Liter Suppe entstand auch oft Kampf und Streit. Jeder wollte, dem Hungertrieb und der Gier nachgebend, zuerst abgefertigt sein. Oft war auch Angst bei diesem Streit die Ursache, denn zuweilen reichte der Inhalt nicht für alle, so daß mancher nichts erhielt und dadurch, seinem Selbsterhaltungstrieb folgend Gras, Abfälle aus der SS-Küche aß oder der SS-Mannschaft Essen stahl. Zuweilen, besonders Sonntags, wurde auch ein Essen verabreicht. Dieses Essen bestand aus Nudeln mit Kartoffeln ohne Fleisch, es war zu sammengekocht und schmeckte sehr gut, obwohl es schlecht gekocht war. Aber unser Hunger konnte nicht mehr urteilen.

Jeder Häftling von Bisingen war durch sein Äußeres hervorstechend gekennzeichnet. Er trug einen zerlumpten zebragestreiften Häftlingsanzug, eine ebensolche Mütze und ein Paar Holzschuhe. Viele hatten auch nur Lumpen um die Füße gewickelt, und zwar in Ermangelung jener Holzschuhe. Die Bekleidung an Leib und Füßen war nicht nur völlig unzureichend, sondern bewusst lebensgefährlich. Sie schützte nicht im geringsten gegen Kälte und Nässe.

Täter

SS-Unterscharführer
Ermantraut Franz
* 21.09.1910 in Wörschweiler/Saar
+ 06.07.1973 in St. Ingbert
Beruf: Schlosser
Religion: protestantisch
Mitglied der NSDAP: 01.05.1933
Eintritt in die SS: 08.11.1939
1943 -Blockführer in Natzweiler
1944 Lagerführer in Bisingen in der Anfangsphase
1944 stellvertretender Lagerführer und Rapportführer
(Morgenappell, Bestandsmeldungen, führte Listen über die zum Arbeitseinsatz geführten Häftlinge)
Als Rapportführer war Ermantraut für die berüchtigten Morgenappelle zuständig. Die ihm unterstellten Blockführer waren Markart, Hartmann und Kienzle. Ein Zeuge: “Ermantraut und Markart waren brutale Kerle, in Bisingen haben sie mit der Peitsche geschlagen.”
Am 04.Juli 1947 sagte er im Rastatter Prozeß zu der Erschießung von drei ungarischen Häftlingen im Dezember 1944 folgendes aus: “Ja, ich gebe zu einen von ihnen erschossen zu haben. Ich habe es bereits bei meinem Verhör gesagt, dass ich geschlagen habe. Viele Gefangenen waren anständige Leute. Es war unmöglich, die anderen zu bewachen. Sie erschöpften unsere Geduld.”

Ermantraut wurde am 29. Mai 1947 vom französischen Militägericht in Rastat wegen Kriegsverbreche zum Tode verurteilt, später aber begnadigt und Ende 1962 aus der Haft entlassen.


Täter

Verhalten der Bisinger Bevölkerung

Es ist bekannt, dass mehrere Bisinger Bürger mit der Einrichtung eines KZs im allgemeinen einverstanden waren, ohne vielleicht den Umfang von Verbrechen, die darin geschahen, zu erkennen. Wegschauen war aber kaum möglich, denn die Häftlingskolonnen wurden täglich durch das Dorf zur Arbeit geführt oder entfernten Blindgänger, die in der Ortschaft niedergegangen waren. Auch die SS-Führer zechten regelmäßig in Gaststätten und ließen dabei wohl einiges über das KZ nach außen dringen. Einige SS Leute sollen Verhältnisse mit Bisinger Frauen gehabt haben, und es ist anzunehmen, dass auch diese einiges von den Vorgängen im KZ erfahren haben. Das Lager befand sich zudem nur 150 m entfernt von der Ortschaft, so dass man die Häftlinge sogar während ihrer Arbeit beobachten konnte. Belegt ist aber auch die Hilfsbereitschaft Bisinger Bürgerinnen und Bürger, die beispielsweise Gefangene mit Lebensmitteln versorgten (...) Es handelte sich dabei jedoch immer um die von Mitleid geprägte Hilfe einzelner Personen, und nicht um ein organisiertes Hilfs- und Versorgungssystem, wie es ein im Bisinger Heimatbuch etwas selbstunkritisch abgedruckter Artikel behauptet.

01.10.1944

Am 01.10.1944 erreicht ein Sonderzug mit 1000 Juden und 1500 Nicht-Juden (Russen, Letten, Litauer, Esten) in 50 Güterwaggons gepfercht den Schömberger Bahnhof (Kursbuch 1944 ). Der Transport hat das Konzentrationslager Stutthof am 29.09.1944 mit Ziel Konzentrationslager Natzweiler-Struthof (Außenlager Bisingen u. Dautmergen „Unternehmen WÜSTE“) verlassen. Der Transport wird von 100 SS-Männern streng bewacht. Der Zustand der Häftlinge war bei der Ankunft sehr schlecht, 36 Häftlinge hatten den Transport nicht überlebt. Am Bahnhof wurde der Transport auf die beiden Lager Dautmergen und Bisingen verteilt: die 1000 Juden nach Dautmergen, die 1500 nicht jüdischen Häftlinge nach Bisingen.

nach 1945

Vom 13.11.1946 bis 09.12.1946 mußten 50 Insassen des politischen Haftlagers Reutlingen (Georgenberg) auf Anordnung der französischen Militärregierung die Leichen in den Massengräbern in Bisingen, Schömberg und Schörzingen exhumieren. Eine Identifizierung der meisten Opfer war nicht möglich.
Auf Anordnung der französischen Militärregierung mußten besonders belastete Personen und deutsche Honoratioren aus den umliegenden Gemeinden die geöffneten Massengräber besichtigen, um sich mit eigenen Augen von den Verbrechen im KL Bisingen zu überzeugen. Diese Maßnahme wurde von den Siegermächten überall durchgeführt.

17.11.1951
Vernehmung Wilhelm Lacher (1934 bis 1945 stellvertretender Bürgermeister von Bisingen)
Ich habe öfters in Vertretung des Bürgermeisters das Standesamtsregister von Bisingen geführt und daher ist mit bekannt, daß sämtliche Todesfälle im Konzentrationslager Bisingen schriftlich der Gemeinde Bisingen gemeldet wurden. Die Meldungen überbrachte eine Ordonanz. Die Meldungen waren mit Schreibmaschine geschrieben und enthielten die vollständigen Personalien der verstorbenen KZ-Häftlinge, ihre Staatsangehörigkeit und ihre Todesursache. Die Eintragungen in das Standesamtsregister der Gemeinde Bisingen wurden in der gleichen Weise vorgenommen wie die der verstorbenen Bürger von Bisingen und die Meldungen wurden gesammelt. Soweit mir bekannt ist, sind die Standesamtsregister mit den Eintragungen der verstorbenen KZ-Häftlinge beim Einmarsch der Alliierten vernichtet worden.

20.11.1951
Vernehmung Gertrud Kästle (1936 bis 1949 Stenotypistin auf dem Rathaus Bisingen)
Beim Einmarsch der Alliierten sind die Standesamtsregistratur mit den Eintragungen der KZHäftlinge auf Anordnung des Bürgermeisters Hugo Maier von den Rathausangestellten L. O. und A. K. verbrannt worden. Auch ein Teil der Anzeigen des KZ-Lagers über die Sterbefälle sind verbrannt worden. Den Rest hat sich ein französischer Offizier geben lassen. Lacher und ich haben
dem Offizier den Rest ausgehändigt.

Vergangenheitsbewältigung

Ein außergewöhnliches Beispiel lokaler Vergangenheitsbewältigung stellt die Umgestaltung des ehemaligen Ölschieferabbaugeländes in Bisingen dar. Das während des Krieges enteignete und durch den Ölschieferabbau verwüstete Gebiet war von der Gemeinde Bisingen von 1953 bis 1956 mit insgesamt 171 000 Bäumen und Hecken bepflanzt und 1959 den Besitzern abgekauft worden. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Fussballvereins Bisingen beschloss der Verein, dort eine „Erinnerungsstätte im Begegnungszentrum für Erholung und Sport" zu errichten, die am 6. Juli 1969 eröffnet wurde. So wurde in der Nähe des neuen Sportplatzes und Sportheims ein Gedenkstein aufgestellt.
Bezeichnend für die „sprachliche Vergangenheitsbewältigung“ ist die Inschrift auf dem Gedenkstein. Sie erwähnt nicht nur weder KZ noch Zwangsarbeit, sondern spricht den Opfern - wenn auch vermutlich unbeabsichtigt - posthum den Sinn ihrer Existenz ab: „Wanderer, gehst du hier vorbei, gedenke derer, denen das Leben genommen wurde, bevor sie es sinnvoll gelebt hatten." So verschwand noch Ende der 1960er-Jahre die Geschichte des KZ Bisingen hinter verschwommenen Formulierungen, die jegliche historische Realität, konkreten Ereignisse, Täter, Opfer und Zuschauer ausblendete. Der Umgang mit den Orten des Geschehens versinnbildlicht die Vergangenheitsbewältigung: Diese entfernten sich sukzessive aus dem öffentlichen Bewusstsein, wurden durch Bepflanzung uneinsehbar wie der KZ-Friedhof oder zum Naherholungsort umfunktioniert wie das ehemalige Ölschieferabbaugelände. Gedenktafeln und -steine verstärkten die Entkonkretisierung und Verschleierung der NS-Vergangenheit. Das ehemalige Lagergelände, nunmehr wieder eine grüne Wiese, lag vergessen am Ortsrand. Obwohl sich die Besiedlung immer weiter ausbreitete, blieb das frühere KZ-Gelände ein tabuisierter Ort, der erst sehr spät und auch nur am äußersten Rand bebaut wurde. Hingegen war die ehemalige Entlausungsbaracke, das einzige gemauerte Gebäude des Lagers, bereits 1949 von einem Bisinger aufgekauft und zum Wohnhaus umfunktioniert worden."
Quelle: Glauning, Christine. Entgrenzung und KZ-System. Das Unternehmen „Wüste“ und das Konzentrationslager in Bisingen