Transport 22.03.1942 Koblenz-Lützel

Izbica

Transportliste

Die Beladung des Zuges vom 22. März 1942 wurde von der Staatspolizeileitstelle Düsseldorf organisiert. In ihm befanden sich neben 337 Juden aus Koblenz darunter etwa 100 jüdische Insassen der Jüdischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz, noch Personen aus weiteren rheinischen Städten, zum Beispiel aus Düren. Mindestens 16 Juden kamen aus Aachen; dort wurden die abgemeldeten Juden mit der Angabe 25. März 1942 aus dem Melderegister gestrichen. Die Insassen des Zuges wurden nach ihrer Ankunft im Durchgangslager Izbica als Transport III registriert; sie konnten eine Zeit lang durch Postkarten mit ihren noch nicht deportierten Angehörigen in Verbindung stehen.


Koblenz

Zur Deportation vom 22. März 1942 schickte der Koblenzer Beigeordnete Hubert Fuhlrott Agnes Hassler, eine erfahrene
Fürsorgerin, und Susanne Hillesheim, eine damals knapp 23-jährige Berufsanfängerin, die erst seit Mai 1941 ihr Anerkennungsjahr bei der Stadtverwaltung absolvierte. Er teilte den beiden mit, die Gestapo hätte Fürsorgerinnen angefordert, die sich um die Frauen und Kinder kümmern sollten. Während die Parteigenossin Hassler als forsch und robust galt, empfand Hillesheim die ihr zugewiesene Aufgabe sofort als großes Unglück. Erfolglos versuchte sie, sich bei Fuhlrott gegen den Einsatz zu wehren. Am Güterbahnhof war Hillesheim beeindruckt von Dr. Hugo Bernd, der sich um die ärztliche Betreuung bemühte und noch rastlos Medikamente und Beruhigungsmittel besorgte. Sie selbst kümmerte sich besonders um eine junge Mutter mit ihrem wenige Monate alten Säugling, für den sie in der Nachbarschaft des Bahnhofs um heißes Wasser zur Auflösung von Trockenmilch bat. Mehrmals wurde sie von verängstigten Anwohnern abgewiesen, bis schließlich eine Familie half, die der Partei angehörte. Hillesheim versuchte, die Mutter zu trösten und ihr Mut zuzusprechen. Im Gegensatz zu Hassler beteiligte sie sich nicht an Leibesvisitationen. Als ein Gestapo-Beamter Hillesheims Bemühungen und Mitleid beobachtete, herrschte er Hassler an, ihre Kollegin brauche gar nicht so viel Aufheben zu machen. Die Leute würden sowieso alle umgebracht. Diese Nachricht erschütterte sogar Hassler. Sichtlich bewegt informierte sie Hillesheim, die ebenso geschockt reagierte und sich abends bei ihrer Kollegin Maria Bach ausweinte. Die ihr aufgezwungene Mitwirkung bei der Deportation machte Hillesheim regelrecht krank, sie litt unter Schlafstörungen. Im Luftschutzkeller des Rathauses vertraute sie sich später einem Jesuitenpater an, der sie zu trösten versuchte. Nur Hassler kam noch einmal zum Einsatz. Hillesheim war auch Zeugin der Verladeaktion geworden: „Wie sie die Leute da hineingepresst haben in die Waggons, die alten Leute, die Frauen mit den Kindern. Da wusste man, wo man dran war.“

(Hassler Agnes * 12.04.1897 in Köln, ledig, seit 1927 bei der Stadtverwaltung Koblenz, Ihr Arbeitsgebiet war seit 1936 im Pflegeamt bzw. bei der Gesundheitsbehörde die Betreuung von Geschlechtskranken, d. h. in der Regel von Prostituierten, was Hassler den internen Spitznamen „Dirnen-Agnes“ eintrug.)

(Hermans Susanne „Susi“ geb. Hillesheim * 26.8.1919 Güls (heute Koblenz), katholisch, 1938 Abitur, Studium an der Sozialen Frauenschule in Aachen, 1943 Staatlich anerkannte Sozialarbeiterin [Volkspflegerin], 1951-1983 CDU-Landtagsabgeordnete,
1981-1983 Landtagsvizepräsidentin, 1953 Heirat mit Ministerialdirektor Hubert Hermans (* 1909 Köln, + 1989
Koblenz), über 20 Jahre Vorsitzende des Sozialdienstes Katholischer Frauen.)


Fürth

Schon Tage vorher gab es Gerüchte, dass am 22. März 1942 ein weiterer Abtransport erfolgen sollte. Die Opfer waren 231 Frauen, Männer und Kinder, unter ihnen auch der Leiter des Waisenhauses Dr. Isaak Hallemann mit allen Waisenkindern sowie Rabbi Dr. Siegfried Behrens. Die Fürther Stadtchronik berichtet im Eintrag vom 22. März 1942: „Heute früh ¾ 9 Uhr fuhr ein mit Juden vollgefülltes Auto im Polizeigebäude in der Nürnberger Straße ab, gen Nürnberg zu. Einige Zeit darauf fuhren noch 4 Auto mit Juden a. Das Schicksal der Abtransportierten war zu diesem Zeitpunkt durchaus bekannt, wie aus einem Tagebucheintrag Daniel Lotters vom 21. März 1942 hervorgeht: „Morgen früh kommt der Rest der noch in Fürth weilenden Juden zum Abtransport... Bestimmte auftretende Gerüchte, an deren Wahrheit kaum mehr gezweifelt werden kann, berichten, dass tausende von jüdischen Männern, Frauen und Kindern in Polen ermordet wurden und werden. Die Vollstrecker dieser Unmenschlichkeiten soll die SS sein. Weh denen, die deutsche Soldaten zu Henkerknechten erniedrigen!“ Die Deportierten hatten den Transport selber zu zahlen. In einem für die Gestapo angefertigten Bericht schreibt die Sekretärin der jüdischen Gemeinde, dass für die „Fahrkosten“ 18.835,64 RM, insgesamt 147.606,20 RM eingenommen worden seien. Nach der Deportation wurden die letzten Habseligkeiten „verwertet“. In einem Schnellbrief des Reichsfinanzministeriums vom 4.11.1941 an die Oberfinanzpräsidenten wurde das Vorgehen bei Deportationen genau geregelt und unter der Bezeichnung „Aktion3“ durchgesetzt : Bis auf einen Betrag von 100 Reichsmark und 50 kg Gepäck solle das Vermögen der Deportierten eingezogen werden. Die Juden mussten Vermögensverzeichnisse anfertigen und bei der Deportation der Gestapo übergeben. Die Wohnungen wurden versiegelt. Das jüdische Eigentum ging in die Verwaltung der Oberfinanzpräsidenten über. Sie sollten u. a. nachprüfen, ob man Wohnungen, die grundsätzlich Bombengeschädigten zugedacht waren, nicht auch für Beamte freimachen und welche Gegenstände man für die Finanzverwaltung verwenden könnte. Was die Finanzverwaltung nicht gebrauchen konnte, sollte an die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und Fliegergeschädigte gegen angemessene Bezahlung, an die Berufsvertretungen des Altwarenhandels veräußert werden. Kunstgegenstände waren der Reichskammer der bildenden Künste zu melden; Edelmetalle und Briefmarkensammlungen mussten an die zuständige Pfandleihanstalt (für Fürth war das Nürnberg), Wertpapiere an die Reichshauptkasse abgeliefert, Bankguthaben und Forderungen mussten eingezogen, Grundstücke in Verwaltung genommen werden.“


Namensliste

Bravmann Johanna (Hannchen, Ännchen) geb. Hankel
* 15.06.1885 Nürnberg
Witwe von Bravmann Abraham
deportiert am 22.03.1942 von Koblenz nach Izbica

Louis (Levy) Kaufmann, geb. 05.03.1877 Krefeld-Uerdingen, und seine Frau Johanna (Hanna) geb.
Gottschalk, geb. 29.04.1874 Kottenheim, wurden am 22.03.1942 von Koblenz aus nach Izbica deportiert. Das
Ehepaar hatte sechs Kinder

(Der Metzger Louis Kaufmann schilderte den Koblenzer Oberbürgermeister Wittgen am 28. September 1933 mit eindringlichen Worten seine Sorgen um die wirtschaftliche Existenz seiner kinderreichen Familie: „Der grösste Teil meiner Kunden in der Gegend meines Geschäfts [Moselweißer Straße 27] bestand aus Beamtenkreisen, welche sich nunmehr fürchteten, bei mir weiter ihre kleinen Fleischwaren zu beziehen, weil dieselben sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, dass die Ehemänner ihre Stellung verlieren, indem in dieser Beziehung nicht nur allein unter den Beamtenkreisen selbst, sondern auch von meiner Konkurrenz in der Nachbarschafr entsprechende Propaganda gemacht wird.“ Demnach hatten die Einschüchterungen bei der Beamtenkundschaft
ihre Wirkung entfaltet, und sie befolgte das Einkaufsverbot ernsthafter als andere Bevölkerungskreise. Jedenfalls bat der ehemalige Frontkämpfer Kaufmann den Oberbürgermeister, ihm die Anbringung einer Tafel zu erlauben, dass in seinem Geschäft
eingekauft werden dürfe. Wittgen persönlich lehnte mit knappen Worten ab. Nach den geltenden Richtlinien sollten Geschäfte nicht besonders hervorgehoben werden. „Die Entwicklung von Handel, Wandel und Gewerbe soll sich auf dem Boden vernunftgemässer Volkswirtschaft entwickeln und wird deshalb behördlicherseits in keiner Weise beeinflusst werden.“)

Kahn Wilhelm * 19.11.1879 in Kottenheim
Kaufmann (Mehlgroßhandel)
Kriegsteilnehmer mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Frontkämpferabzeichen ausgezeichnet
verheiratet mit Jenny geb. Salomon * 05.08.1888 Kruft
beide am 22.3.1942 von Koblenz nach Izbica deportiert.
Ihre beiden Kinder emigrierten 1939 nach Großbritannien

Dr. Weil Louis
Louis bzw. Ludwig Weil wurde „in Furth i/Bayern am 15.01.1884 als der Sohn des Kaufmanns Heinrich Weil und dessen Ehefrau Sofie, geb. Lehmann“ geboren. Nach der Volksschule und „7 Klassen des humanistischen Gymnasiums“ in Furth studierte er ab 1902 Zahnmedizin in Heidelberg. 1905 bestand er das Staatsexamen und verbrachte seine 24 Monate dauernde „Assistentenzeit unter anderem in Heidelberg und bei Dr.
Albrecht in Frankfurt a/Main“. Anschließend „liess er sich 1908 in Furth als Zahnarzt nieder. 1915 wurde er zum Militar eingezogen und 1916 zum Kriegszahnarzt ernannt. 1917 erklärte ihn die Lazarettmusterungskommission fur kriegsuntauglich. Der genaue Grund dafur ist nicht bekannt.
Zwei Jahre spater, 1919, heiratete er die 1892 geborene Luise Neumayer. Ihre Religionszugehorigkeit ist nicht bekannt. 1921 wurde Louis Weil an der Friedrich-Alexander-Universitat Erlangen uber das Thema: „Die Röntgenstereophotogrammetrie in der Zahnheilkunde“ promoviert. Im gleichen und im darauffolgenden Jahr kamen die Tochter Marianne und Elisabeth zur Welt. Kurz vor Mariannes viertem Geburtstag, am 30. Marz 1925, starb Luise Weil. Zwei Jahre nach ihrem Tod ehelichte Louis Weil 1927 Florenze Feldmann, die aus Nurnberg stammte und ebenfalls Jüdin war. Florenze Weil adoptierte ihre Stieftochter. 1939 bemühte sich Louis Weil um eine Ausreisegenehmigung für die Familie. Diese Bemuhungen blieben erfolglos. Am 22. Marz 1942 wurde Louis Weil „abgemeldet nach unbekannt“ und die gesamte Familie ins Ghetto Izbica deportiert. Dort starb Louis am 31. Marz 1942. Florenze wurde am 7. Oktober 1955, die beiden Kinder im Jahr 1960 „mit dem Zeitpunkt des 31. Dezember 1943 für tot erklärt“. Nach Kriegsende versuchte eine Verwandte der Familie, Emmy Herrmann, geb. Feldmann, von den USA aus eine Entschadigung des Freistaates Bayern „in Höhe von DM 1.400.--“606 zu bekommen. 1973 zog sie diesen Antrag aber wieder zuruck.