Die Vorfahren der Familie Schratter stammten aus Podziwierzyniac bei Lancut in Kleinpolen. Sie kamen mit der ersten Flüchtlingswelle um 1900 auf der Suche nach Arbeit.

Wohnort: Adamsgasse 27/28 Eckhaus zur Hetzgasse, 1030 Wien.
Es ist ein sehr großer Altbau mit ungefähr 40 kleinen Wohnungen. Es gibt vier Stockwerke. Familie Schratter wohnte im dritten. Die Toilettenanlagen sind bis heute am Gang, wahrscheinlich gab es in der Wohnung früher kein Fließwasser. Türnummer 28 gibt es heute nicht mehr, da einige Wohnungen zusammengelegt wurden. In den späteren Kriegsjahren wurde das Haus beschädigt, 1955 wieder aufgebaut. Die Schratters wohnten schon mindestens seit 1932 in diesem Haus.
Mit ihnen wohnten im Haus die Familien: Amlicher, Baier, Baumgartner, Berger, Bosch, Cerovitz, Drexler, Eigenfeld, Gauf, Grebenicek, Grimus, Guthann, Heilmann, Heller, Hogl, Janowetz, Kellner (Hauseigentümer), Kirner, Kluge, v. Kolber, Kral, Lippert, Losert, Machek, Petters, Pröller, Ratz, Rendl, Riffler, Roth, Schuster, Simon, Vokner, Weigl, Wondracek, Woybich. Hausmeisterin war Agnes Thoma.

Im Gegensatz zu vielen anderen wohnten die Schratters bis zu ihrer Deportation in dieser Wohnung.

Die Familie Schratter bestand aus:
Bernhard Schratter * 12.10.1880 Beruf: Vertreter
Sali (Sarah) Schratter * 11.03.1897 Beruf: Strickerin
Charlotte Schratter noch vor Deportation gestorben
Eduard Schratter * 20.12.1930 in Wien Deportation: am 28.11.1941 Wien - Ghetto Minsk
Elsa Schratter * 27.05.1926 in Wien Deportation: am 28.11.1941 Wien - Ghetto Minsk

Elsa Schratter wurde am 16.09.1932 mit 6 Jahren eingeschult.
Sie besuchte die Mädchen Volksschule Löwengasse 12. Der Schulleiter war Karl Riskann
Die vierte Klasse schloss sie 1936 mit folgenden Noten ab:
Betragen: 1
Deutsche Sprache: 1
Singen: 1
Fleiß: 1
Lesen: 1
Turnen (körperliche Übungen): 1
Religion: 1
Schreiben: 1
Weibliche Handarbeit: 1
Heimatkunde: 1
Rechnen u. Raumlehre: 2
Äußere Form u. Arbeiten: 2
Naturkunde: 1
Zeichnen (u. Handarbeit): 1

Am 04.07.1936 wurde sie von der Mittelschule Radetzkystraße im 3. Bezirk abgemeldet. Diese Schule hat sie offenbar nie besucht, da sie die Volksschule ja erst 1936 abschloss.
Ein Jahr war sie in der Hauptschule Wittelsbachstraße im 2. Bezirk angemeldet, am 28.09.1937 wurde sie auch von dort abgemeldet.

Elsa war Mitglied der Jugendaliya.
Diese Organisation kümmerte sich darum, dass so viele Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren wie möglich eine Ausreisemöglichkeit nach Palästina erhielten. In Palästina mussten die Jugendlichen in der Landwirtschaft mithelfen, dafür wurden sie schon in Wien ausgebildet. Die Jugendaliya wurde 1938 in Deutschland von Recha Freier gegründet. Anfang Mai 1941 musste die Jugendaliya aufgelöst werden.

Ab Ende März/Anfang April 1941 mussten viele Jüdinnen zwischen 14 und 21 Jahren auf Befehl des Sicherheitsdienstes nach Siems und in andere Orte zum Spargelernten fahren, um den dortigen Bauern zu helfen. Das Ganze wurde Arbeitsdienst genannt. Elsa war zu diesem Zeitpunkt fast 15, es besteht die Möglichkeit, dass sie daran teilnahm, Beweise gibt es allerdings keine.
Tragischer Weise meldeten sich viele freiwillig, 150 wurden genommen, Mitte Mai weitere 150 nachgeschickt.
Untergebracht wurden sie in einem Haus auf Strohsäcken als Betten. Arbeitszeit war von 7 bis 16 Uhr.
Am Anfang durfte man noch in die Stadt gehen und mit der dortigen Bevölkerung gemeinsam arbeiten. Bald darauf wurden jedoch die neuen Lagerbestimmungen wirksam, frei war nur noch der Sonntag Nachmittag. Die Arbeitszeit erhöhte sich auf 10 bis 12 Stunden pro Tag, trotzdem gab es immer weniger zu essen. 3 mal am Tag bekamen sie Kaffee, zu Mittag Eintopf. Pro Woche erhielten alle gemeinsam zusätzlich 3kg Brot, wenig Butter, Käse, Wurst und Marmelade. Für die ersten 12 Tage erhielt jeder 3 RM Lohn. Ab Juni war die Spargelernte zu Ende, die neue Beschäftigung war Grasrupfen.
Am 13.06.1941 wurde das Lager Siems aufgelöst, weil schon zu viele krank waren. Viele litten an Scharlach. Alle erhielten 6 RM Gesamtlohn.

Die Deportation
Organisiert wurden die Deportationen auf den Befehl von Alois Brunner und von der Zentralstelle für jüdische Auswanderung und der Kultusgemeinde. Sie mussten die Leute auswählen, Sammellager errichten und unterhalten, die Ausgewählten benachrichtigen, ihr Gepäck abholen lassen und sie schließlich zum Aspangbahnhof befördern. Sie führten genaue Listen über die Deportationen.

Die vorgesehenen Personen wurden von der Gestapo über ihre Evakuierung benachrichtigt.
Detailliert wurde vorgeschrieben, was pro Person mitgenommen werden musste:
Zahlungsmittel bis 50 RM in Reichskreditkassenscheinen (für den Fahrpreis)
ein Koffer,
Bettzeug mit Decken,
Verpflegung für 3. Tage
Essgeschirr mit Löffel
was nicht mitgenommen werden durfte
Wertsachen jeder Art außer Ehering
Wertpapiere
Urkunden
Verträge
Messer
Gabel
Rasierzeug

was anheim gestellt war
z.B. Kanonenofen
Handwerkszeug

insgesamt maximal 50 kg Großgepäck und Handgepäck
Die Fahrkosten hatten die Deportierten selbst zu tragen.

Bei Nichterscheinen erfolgt polizeiliche Vorführung.“
In den Sammellagern herrschten schlechte Bedingungen, es gab wenig zu essen und oft wurden die Menschen von Gestapobeamten misshandelt, gedemütigt und beraubt. Manche begingen in diesen Lagern Selbstmord oder starben an Schwäche. Je näher das Deportationsdatum rückte, desto voller wurde das Lager. Man musste alle Geldmittel, Edelsteine, Münzen, Fotos, Operngläser, Feldstecher, Pelzwaren und den Wohnungsschlüssel abliefern. Das Gepäck wurde oft durchwühlt.
Der zurückgelassene Besitz wurde von der Vugesta beschlagnahmt und an Antiquitäten- und Altwarenhändler verkauft. Ausgeräumt wurden die Wohnungen von anderen Juden.

Am 28.11.1941 war es auch für die Familie Schratter so weit. Elsa hatte die Transportnummer 12/412, Eduard 12/413. Mit ihnen stiegen ungefähr 1 000 andere Juden in den Zug. Ihr Transport fuhr über Olmitz, Oppeln, Warschau und Wolkowitz. Dort wurden sie von den Personenwagen dritter Klasse in Viehwaggons umgeladen. Auf der Zugfahrt und vor allem beim Umladen wurde die Polizeibegleitmannschaft oft gewalttätig. Schon auf der Zugfahrt starben etliche Menschen. Insgesamt dauerte der Transport drei bis vier Tage. Von diesem Transport haben nur 3 Personen das Jahr 1950 erlebt.

Minsk
Nach der Ankunft wurde allen Reisenden ihr ganzes Gepäck weggenommen. Sie kamen in das Ghetto in Minsk. Minsk beherbergte schon vor Kriegsausbruch eine starke jüdische Gemeinde von ca. 70 000 Personen, für die bereits im Juni 1941 ein 2 km; großes Stadtviertel als
Ghetto eingerichtet wurde. Die erste große Mordaktion fand statt, um Juden aus anderen Ländern Platz zu machen. Die aus anderen Ländern deportierten Juden kamen in einen separaten Teil, der noch einmal aus fünf Abteilungen bestand. Ein Teil war für die Juden aus Wien, ein anderer für die aus dem Rheinland, weitere Teile für Berliner, Hamburger und Bremer. Es gab kaum Verbindungen zum Hauptghetto. Die Kontrolle über das Ghetto hatte ein Teil der Sicherheitspolizei, eine Einheit der SS und eine Kompanie lettischer Hilfswilliger.
Im Herbst 1941 begannen die Massenerschießungen. Am Anfang waren in erster Linie Kranke, Alte und Kinder betroffen, später alle. Durch diese Mordaktionen sowie Krankheiten und Hunger reduzierte sich die Bevölkerung rasch. Das musste sie ja, für die immer neu nachkommenden Juden aus dem Westen.
Alle Ghettoinsaßen über 14 Jahre wurden Arbeitskolonnen zugeteilt, mit Essen musste sich jeder selbst versorgen, deshalb litt jeder im Ghetto unter Hunger. Manchmal schlichen sich Kinder aus dem Ghetto hinaus, um etwas umzutauschen oder zu erbetteln. Wurden sie erwischt, erschoss man sie.
Die meisten deutschen Juden wurden in den großen Aktionen am 28. und 31. Juni 1942 sowie im Herbst 1942 und am 8. März 1943 umgebracht. SS-Männer trieben sie in Kolonnen aus der Stadt und erschossen sie im Wald
Maly Trostinec (Maly Trostenez) bei Minsk

Während die Familie Schratter und viele andere in den Zug stiegen, konnten sich ihre Nachbarn zum Beispiel im Löwenkino: Wir bitten zum Tanz mit Paul Hörbiger und Hans Moser oder in den Radetzkyspielen, einem anderen Kino, 6 Tage Heimaturlaub mit Gustav Fröhlich ansehen. Das Burgtheater spielte Don Carlos von Friedrich Schiller. In den Kammerspielen wurde das Singspiel Fahr‘ ma Euer Gnaden von Oskar Weber gezeigt.