Waltrop 1933-1945


Einziges bekanntes Bild des Entbindungslagers

Entbindungslager Waltrop-Holthausen

Vom April 1943 bis Mai 1945

Ende April 1943 erfolgen die ersten Einweisungen in das Entbindungs- und Abtreibungslager, das vom Landesarbeitsamt Westfalen getragen und vom Arbeitsamt Recklinghausen zusammen mit der Waltroper Gemüseanbaugenossenschaft verwaltet wurde.
1273 Geburten sind standesamtlich registriert. An mindestens 718 Frauen wurden Abtreibungen vorgenommen. Nach Friedhofsunterlagen starben 294 Säuglinge (davon 47 Totgeburten) 294 von ihnen sind auf dem Friedhof in Waltrop und eine unbekannte Zahl in Holthausen in der Nähe des Lager begraben worden. Weitere 200 sind im übrigen Westfalen beerdigt, wo sie kurz nach der Entlassung aus Waltrop gestorben sind.

Die Säuglinge wurden aber nicht etwa vergiftet, sondern vielmehr vernachlässigt. Die Leitung dieses Lager hatte Ärztin Hartmann, die damalige Leiterin der Lungenheilstätte Nordkirchen, heute Kinderheilstätte, inne.

Baracke Ärztinnen+Hebammen
Von schwangeren Frauen bewohnte Baracke, in der auch russische Ärztinnen und Hebammen untergebracht sind. Diese kriegsgefangenen Frauen aus dem Sanitätspersonal der Roten Armee kümmern sich um Gebärende und Säuglinge.

Nadelfabrik
In der Zweigstelle einer Iserlohner Nadelfabrik müssen die Frauen und Mädchen vierzehn Tage vor und sechs Wochen nach der Entbindung Nadelbriefchen für die deutsche Wehrmacht stecken.

Entbindungsbaracke
Hier müssen die Frauen auf einem hölzernen Tisch entbinden. Frauen mit Wehen warten auf Matratzen auf dem Boden liegend, bis sie an der Reihe sind. In der Baracke sind auch Räume für weitere Schwangere abgeteilt. In den Räumen stehen dicht an dicht dreistöckige Betten. Papiersäcke mit Hobelspänen gefüllt dienen als Matratzen.

Sarglager
Schuppen am Waldrand mit großen und kleinen Särgen für Frauen- und Kinderleichen. Wenn alle Särge voll sind, werden diese von Franzosen aus einem nahegelegenen Kriegsgefangenenlager in Massengräbern begraben. Die leeren Särgen werden anschließend zurück in den Schuppen gebracht.

Säuglingsbaracke
Die Säuglingsbaracke dürfen die Mütter nicht betreten. In einer Hälfte der Baracke befinden sich Kleinkinder, deren Mütter auf Höfen arbeiten müssen, deren Bauern die Kinder aber nicht haben wollen.

Strafbaracke
Vor der Strafbaracke hat ein Galgen gestanden, an dem unter anderem eine der russischen Ärztinnen aufgehangen worden ist, weil sie zu viele Frauen krank geschrieben haben soll.

Jahrzehnte ist wenig bekannt über das Entbindungslager, das die Gemüseanbaugenossenschaft Waltrop und Umgebung e.V. im Auftrag der Nationalsozialisten hier in den Rieselfeldern angelegt hatte. Erst Mitte der 1990er Jahre als die Historikerin Gisela Schwarze aus Münster nachforscht, fügen sich Details aus Zeitzeugenbefragung und Quellenforschung zu einem dunklen Kapitel der verdrängten Geschichte der Zwangsarbeit.

Fertigrasen wird heute auf dem Acker hinterm Kanal in Waltrop Holthausen gezüchtet, wo vor über 60 Jahren eingezäunte Baracken im Tarnanstrich gestanden sind.

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